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Der Geist Gleims in der Gegenwart

Personengruppe im Gleimhaus
Das Gleimhaus in Halberstadt war die erste Station des Jahrestreffens 2020. | © R. Wege
Einige bibliophile Exemplare aus der Bibliothek Gleims lagen für die Pirckheimer bereit.
Einige bibliophile Exemplare aus der Bibliothek Gleims lagen für die Pirckheimer bereit. | © R. Wege
Gleimhaus-Bibliothekarin Annegret Loose mit dem Sternatlass "Harmonia Macrocosmica" von Andreas Cellarius.
Gleimhaus-Bibliothekarin Annegret Loose mit dem Sternatlass "Harmonia Macrocosmica" von Andreas Cellarius. | © R. Wege
Einen Blick in die Porträtgrafiksammlung des Gleimhauses ermöglichte deren Leiter Dr. Reimar Lacher.
Einen Blick in die Porträtgrafiksammlung des Gleimhauses ermöglichte deren Leiter Dr. Reimar Lacher. | © R. Wege
Dr. Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses, führte durch die „die größte Porträtgalerie großer Geister des 18. Jahrhunderts“.
Dr. Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses, führte durch die „die größte Porträtgalerie großer Geister des 18. Jahrhunderts“. | © R. Wege
Eine grundlegende Einführung in die Geschichte des Domes, seine Architektur und historische Bedeutung gab im Kirchenschiff Claudia Wyludda.
Eine grundlegende Einführung in die Geschichte des Domes, seine Architektur und historische Bedeutung gab im Kirchenschiff Claudia Wyludda. | © R. Wege
Gespannt erwarteten die Pirckheimer den Beginn des Konzertes von Hans-Eckardt Wenzel.
Gespannt erwarteten die Pirckheimer den Beginn des Konzertes von Hans-Eckardt Wenzel. | © R. Wege
Der Freitagabend klang mit „Wenzel im Trio“, dem Konzert des Liedermachers und Poeten Hans-Eckardt Wenzel, aus.
Der Freitagabend klang mit „Wenzel im Trio“, dem Konzert des Liedermachers und Poeten Hans-Eckardt Wenzel, aus. | © R. Wege
Annett Krake, Mitarbeiterin der Grafikstiftung Neo Rauch, zeigt die „Vermehrte Moscowitische und Persianische Reisebeschreibung“ von 1656.
Annett Krake, Mitarbeiterin der Grafikstiftung Neo Rauch, zeigt die „Vermehrte Moscowitische und Persianische Reisebeschreibung“ von 1656. | © R. Wege
Silvia Käther, Leiterinder Garfikstiftung Neo Rauch, führte durch die aktuelle Jahresausstellung NEO RAUCH DAS FORTWÄHRENDE. Papierarbeiten 1989 – 1995.
Silvia Käther, Leiterinder Garfikstiftung Neo Rauch, führte durch die aktuelle Jahresausstellung NEO RAUCH DAS FORTWÄHRENDE. Papierarbeiten 1989 – 1995. | © R. Wege
Rundgang durch die Jahresausstellung NEO RAUCH DAS FORTWÄHRENDE
Rundgang durch die Jahresausstellung NEO RAUCH DAS FORTWÄHRENDE | © R. Wege
Stiftungsmentorin Christiane Wisniewski gab während eines Rundgangs durch das Gebäude einen umfangreichen Überblick über die Entstehung der Stiftung und die Geschichte des Hauses.
Stiftungsmentorin Christiane Wisniewski gab während eines Rundgangs durch das Gebäude einen umfangreichen Überblick über die Entstehung der Stiftung und die Geschichte des Hauses. | © R. Wege
Christiane Wisniewski beendete ihre Führung durch den Riegelbau vor dem Wandgemälde „De Septentrione ad Austrum“ von Laura Bruce.
Christiane Wisniewski beendete ihre Führung durch den Riegelbau vor dem Wandgemälde „De Septentrione ad Austrum“ von Laura Bruce. | © R. Wege
Der Wipertihof, direkt neben der Lyonel-Feininger-Galerie gelegen, erwies sich als perfekter zentraler Anlauf- und Ruhepunkt für den Sonnabendnachmittag.
Der Wipertihof, direkt neben der Lyonel-Feininger-Galerie gelegen, erwies sich als perfekter zentraler Anlauf- und Ruhepunkt für den Sonnabendnachmittag. | © R. Wege
Rundgang durch die Ausstellung "StrichCode" in der Lionel-Feininger-Galerie.
Rundgang durch die Ausstellung "StrichCode" in der Lionel-Feininger-Galerie. | © R. Wege
Mit einem Buch bedankte sich Vereinsvorsitzender Dr. Ralph Aepler bei Direktorin Dr. Gloria Köpnick.
Mit einem Buch bedankte sich Vereinsvorsitzender Dr. Ralph Aepler bei Direktorin Dr. Gloria Köpnick. | © R. Wege
Der Berliner Pirckheimer-Freund und Klopstock-Sammler Dr. Fritz Jüttner stimmte mit einem Vortrag auf den Besuch des Klopstockhauses ein.
Der Berliner Pirckheimer-Freund und Klopstock-Sammler Dr. Fritz Jüttner stimmte mit einem Vortrag auf den Besuch des Klopstockhauses ein. | © R. Wege
Während der Nachtwächterführung durch Quedlinburg
Während der Nachtwächterführung durch Quedlinburg | © R. Wege
Vereinsvorsitzender Ralph Aepler gratuliert Udo Mammen zum 90. Geburtstag.
Vereinsvorsitzender Ralph Aepler gratuliert Udo Mammen zum 90. Geburtstag. | © R. Wege
Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft 2020
Selten hat ein Tagungsort das Selbstverständnis vieler Pirckheimer so gut widergespiegelt, wie der des Jahrestreffens 2020. Genauer gesagt sind es drei Orte, an denen sich rund 60 Mitglieder und Freunde der Pirckheimer-Gesellschaft getroffen haben: Halberstadt, Aschersleben und Quedlinburg. Der Streifzug durch alle drei Orte der Kultur ergab am Ende eine Mischung aus Büchern, Bildern, Briefen, Sammlungsgeist und Sammlerleidenschaft, erfolgreichem Netzwerken, renommierten internationalen Künstlern von der Zeit der Aufklärung bis zur Gegenwart, dem fruchtbringenden Miteinander von Tradition und Moderne. Eine Mischung, in der sicher jeder Pirckheimer für sich etwas entdecken konnte.
Mehr Platz dank Corona

Im Vorfeld hatten die besonderen Vorschriften in Corona-Zeiten, die den zwischenmenschlichen Abstand regeln, für Diskussionen gesorgt. Nach den drei Tagen hat sich gezeigt, dass die Einhaltung der Vorschriften zwar oft lästig und ungewohnt war, ihnen allerdings auch eine positive Seite abgewonnen werden konnte: kleine Gruppengrößen. Das hatte den angenehmen Effekt, dass weniger Gedränge und damit größere Gelassenheit bei der Inaugenscheinnahme der Objekte herrschte wie beispielsweise beim Betrachten des Sternatlasses Harmonia Macrocosmica von Andreas Cellarius, der Exponate der Grafiksammlung im Gleimhaus oder der Vermehrten Moscowitischen und Persianischen Reisebeschreibung von 1656, zu sehen in der Grafikstiftung Neo Rauch.
 

Start im Gleimhaus Halberstadt

Doch der Reihe nach. Den Startpunkt setzte mit dem Gleimhaus in Halberstadt ein Mitglied unserer Gesellschaft, deren Direktorin Dr. Ute Pott die Teilnehmer begrüßte. Für die Literaturwissenschaftlerin ist die Förder- und Sammlungstätigkeit der Pirckheimer ein stark verbindendes Element zu Gleim und dem Gleimhaus. Gleim habe sich auf vielfältige Weise in die kulturellen Prozesse und Diskurse seiner Zeit eingebracht und manche maßgeblich beeinflusst wie die Veränderung der Briefkultur, die Bildung von Netzwerken, die Pflege der Geselligkeit und das Bewusstsein für die Bewahrung literarischer Nachlässe. Was Dr. Ute Pott an dieser Stelle andeutete, konnten die Pirckheimer später bei der Führung durch die Räume des Museums intensiv nachvollziehen und so Johann Wilhelm Ludwig Gleim und seine Rezeption als deutscher Anakreon, als preußischer Grenadier und als „Vater Gleim“ kennenlernen.
 

Im "Freundschaftstempel" Gleims

Wie erfolgreiches Netzwerken im 18. Jahrhundert funktionierte, stand den Pirckheimern bildhaft vor Augen, als sie von Dr. Ute Pott durch „die größte Porträtgalerie großer Geister des 18. Jahrhunderts“ geführt wurden, den sogenannten „Freundschafstempel“ Gleims mit mehr als 130 Ölbildern. Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Gottfried Herder, Anna Louisa Karsch oder Johann Jakob Bodmer seien hier beispielhaft genannt. Nicht zu vergessen Johann Gottfried Seume und Johann Heinrich Voß, die ein anschauliches Beispiel für die Idee Gleims sind, „die Fackel weiter zu tragen und in die Jugend zu investieren“, wie Pott sagte. Gleim unterstützte in erheblichem Maße Voß und finanzierte im wahrsten Sinne des Wortes die Reise von Seume nach Syrakus (1801/1802).
 

Leidenschaft des Sammelns teilen

Vom Netzwerker zum Sammler – ein weiterer Aspekt, den Gleim und die Pirckheimer gemeinsam haben. „Gleim hat gesammelt, was er kriegen konnte“, sagte Gleimhaus-Bibliothekarin Annegret Loose. Darunter Gemälde, Grafiken, Münzen, Büsten. Die wichtigsten Objekte stellten für Gleim jedoch die Porträts seiner Freunde, sein Handschriftenarchiv sowie seine Bibliothek dar. Letztere konnten die Pirckheimer zwar nur durch eine Scheibe sehen, jedoch stellte Annegret Loose ihnen einige ausgewählte Exemplare aus der Bibliothek Gleims vor. Dabei habe er Bücher nicht nur zum eigenen Vergnügen gesammelt, sondern seine Sammlung für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Loose: „Man kann sich das wie eine öffentliche Stadtbibliothek heute vorstellen.“ Etwas, was ein Pirckheimer gut nachvollziehen kann – eine Steigerung des Sammelgenusses, wenn man diese Leidenschaft mit Gleichgesinnten teilt. Bei den Sammlungen Gleims handele es sich um den größten erhaltenen Dichternachlass des 18. Jahrhunderts am historischen Ort in der ursprünglichen Sammlungskonzeption, so Loose. Die beinahe 12.000 Bände umfassende Gleimsche Bibliothek sei heute so gut wie komplett, nachdem rund 1.400 Bände, die als Beutekunst am Ende des Zweiten Weltkrieges verloren waren, wieder nach Halberstadt rückgeführt wurden. 1997 etwa 800 Bände aus Georgien und ein Jahr später weitere 100 Bände aus Armenien.
 

Sternatlass Harmonia Macrocosmica
Für die Pirckheimer ausgewählt hatte Loose unter anderem ein 1661 in Amsterdam erschienenes Exemplar des historischen Sternatlasses Harmonia Macrocosmica (kleines Foto) von Andreas   Cellarius mit zahlreichen  Kupferstichen, Die Schmetterlinge in Abbildungen nach der Natur, erschienen 1777 in Erlangen, oder ein umfangreiches Herbarium-Buch (kleines Foto).  Einige Exemplare mit Widmungen an Gleim und Exlibris ergänzten die Auswahl. Darunter eine Widmung von August Wilhelm Schlegel (kleines Foto), dem älteren Bruder von Friedrich Schlegel: An Vater Gleim d. 2. April 1801. Herr Wilhelm Schlegel schlegelt minder, als sein Herr Bruder Friederich: Drum zeigt er sich nicht, als armer Sünder Vor deinem Kenner-Angesicht. Er will von meinem Gleim gelesen, und auch geliebt bisweilen seyn, und wäre er dennoch mitunter ein wenig zu Keck gewesen, So wirst du das dem brausenden Jüngling verzeihn! S.
 
„Halberstädter Originale“

 Einen Blick in die Porträtgrafiksammlung des Gleimhauses ermöglichte deren Leiter Dr. Reimar Lacher. Der Kunsthistoriker hatte mehrere Themen vorbereitet, so dass die Pirckheimer die Qual der Wahl hatten. Die Entscheidung fiel zugunsten der Porträts der „kleinen Leute“ – Fotografien oder Lithografien. Eine kombinierte Abbildung-Biografie-Sammlung. Zwei seltene Umstände kamen zusammen: zum einen, dass Leute der unteren Stände es sich leisteten, porträtiert zu werden, und dass ein Sammler diese Fotografien oder Lithografien aufgehoben und akribisch mit biografischen Details der abgebildeten Personen versehen und aufbewahrt hat. So konnte man die Schneiderswitwe ebenso kennenlernen wie den Bleistiftverkäufer oder Onkel Georg Dippe (kleines Foto), genannt „Ahle Nachtigall“ und „Oldermann del“, dessen Abbild mit der Bildunterschrift „Wenn ick juch Kantor wär'!“ versehen ist. Eben „Halberstädter Originale“, wie Lacher sagte.
 

Halberstädter Domschatz

Ist eine Besonderheit der Bibliothek Gleims ihre Erhaltung am Ort ihres Entstehens, trifft dies auch auf den wenige Meter entfernt aufbewahrten Halberstädter Domschatz zu. Auch dort sind die Objekte keine Leihgaben, die zusammengetragen die heutige Ausstellung ergeben, sondern Stücke, die explizit im Laufe der Jahrhunderte für den Dom St. Stephanus und St. Sixtus zusammengetragen wurden, um die Gottesdienste in würdiger Form feiern zu können. Erst im 18. Jahrhundert hatte sich der Blick auf den Kirchenschatz als Sammlung religiöser Objekte für den Gottesdienstgebrauch hin zu kulturgeschichtlichen Zeugnissen gewandelt.

Aufgrund der Corona-Bestimmungen teilten sich die Pirckheimer wie schon im Gleimhaus in zwei Gruppen auf, um den Dom und seinen Schatz zu besichtigen. Eine grundlegende Einführung in die Geschichte des Domes, seine Architektur und historische Bedeutung sowie einen virtuellen Rundgang vorab durch die Schatzkammer gab im Kirchenschiff Claudia Wyludda, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt. Einen besonderen Stellenwert in dem Domschatz nimmt die Schenkung Bischof Konrads von Krosigk ein. Er hatte am Vierten Kreuzzug von 1204 teilgenommen, der zur Plünderung Konstantinopels führte. Die von ihm mitgebrachten Kostbarkeiten umfassten erstrangige Reliquien wie Teile aus Kreuz und Dornenkrone Christi und von den Haaren und dem Gewand Mariens, aber auch Reliquien zahlreicher Heiliger und Märtyrer der östlichen Kirche. 300 der insgesamt mehr als 1.000 Objekte seien in der Ausstellung zu sehen. Der größte Teil sei ein textiler Schatz. Wyludda: „Dort sehen Sie das Feinste, was mittelalterliche Stoffe zu bieten hatten.“ Darunter mit dem „Abraham-Engel-Teppich“ (Niedersachsen, um 1150) mit einer Länge von mehr als zehn Metern den ältesten gewirkten Bildteppich dieser Größe weltweit. Für die Pirckheimer von besonderem Interesse die Handschriften aus dem Früh- bis Spätmittelalter wie ein Evangeliar aus dem 2. Viertel des 9. Jahrhunderts oder die Biblia Sacra (Teil 1), geschrieben in der Martinikirche in Halberstadt um 1306 von Theodericus de Mysna. Ein zweiter dazugehöriger Band befindet sich heute in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg.

Dass der Domschatz in einer ansonsten selten zu findenden Geschlossenheit existiert, habe man vor allem dem Umstand zu verdanken, dass nach der Reformation ein konfessionell gemischtes Domkapitel existierte. An vielen anderen Orten seien mit der Reformation die kirchlichen Kultgegenstände „als nicht mehr wichtig zerschlagen oder verkauft worden“, so Wyludda. Zum Glück sei man in Halberstadt toleranter gewesen und bis zum Jahre 1810 haben katholische und evangelische Geistliche unter einem Dach gewirkt.
 

Hans-Eckardt Wenzel im Konzert

Etwas geruhsamer, aber nicht weniger interessant ging es am Abend mit „Wenzel im Trio“, dem Konzert des Liedermachers und Poeten Hans-Eckardt Wenzel, am Gleimhaus weiter. Nicht nur die Pirckheimer, auch etliche Zaungäste hörten Lieder, die sich oft kritisch mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinandersetzen wie dem Corona-Song, aber auch leise und melancholische Töne anschlugen wie in "Kamille und Mohn", "Havanna wartet" oder "Die Erde ist für dich und mich".
 

Grafikstiftung Neo Rauch

Gut ausgeruht starteten die Pirckheimer am Sonnabend mit dem Bus vom Tagungshotel in Halberstadt nach Aschersleben in die Grafikstiftung Neo Rauch. Dort führte die Leiterin Silvia Käther durch die aktuelle Jahresausstellung NEO RAUCH DAS FORTWÄHRENDE. Papierarbeiten 1989 – 1995. Gezeigt werden hauptsächlich Unikate auf Papier sowie ausgewählte Grafiken aus dem Konvolut der Stiftung. Käther: „In einer außerordentlichen Vielfalt hat Neo Rauch in den besagten Jahren gerade das Medium Papier bevorzugt, um so in der Zeichnung, in der Malerei sowie in der Druckgrafik eine eigene Bildsprache zu entwickeln. In deren Umsetzung überwiegen bei der Wahl der Materialien Ölfarbe, Graphit, Tusche oder Aquarell und werden immer wieder auch kombiniert zum Einsatz gebracht.“ Außergewöhnlich ist die Bandbreite der Formate von A4 bis A0. Zu sehen waren auch einige große Werke in Öl auf Papier wie die Arbeit „Marah“ (1994) und die Leihgaben aus privater Hand „Das Ziel“ (1995) und „Die Küche“ (1995).

Stiftungsmentorin Christiane Wisniewski gab während eines Rundgangs durch das Gebäude einen umfangreichen Überblick über die Entstehung der Stiftung und die Geschichte des Hauses. Sie hatte auf kommunaler Seite die gemeinsame Stiftungsgründung der Stadt Aschersleben, Neo Rauchs sowie Gerd Harry Lybkes und Kerstin Wahalas von der Galerie EIGEN + ART im Jahr 2012 begleitet. Eröffnet wurde die Stiftung 2012. Sie basiert auf einer Schenkung des Künstlers aus dem Jahr 2010, mit der er der Stadt jeweils ein Exemplar der Auflagen seines bisherigen grafisches Werkes überlässt. 

Das grafische Werk des in Leipzig lebenden und in Aschersleben aufgewachsenen Neo Rauch ist heute in wechselnden Ausstellungen im Riegelbau des Bestehornparks zu sehen und damit eng verbunden mit einem Stück Industrie- und Architekturgeschichte der Stadt Aschersleben. Der Riegelbau entstand im Ergebnis eines europaweiten Architekturwettbewerbs seit 2006 und wurde 2010 für die Landesgartenschau eröffnet. Dass man sich bei der Grafikstiftung auch um den Nachwuchs kümmert, zeigen Bildungsangebote, die im Haus für Schulklassen, Kinder und Jugendliche organisiert werden. Bezogen auf die jeweils aktuellen Ausstellungen stehen Themen wie Bildbeschreibung und Bildanalyse, Farbtheorie, Druck- und Farbtechniken im Fokus. Zudem werden praxisorientierte Programme wie Freies Zeichnen und Skizzieren oder Collage mit Wort und Bild angeboten.

Mit dem Hallenser Grafiker Sven Großkreutz hat die Pirckheimer-Gesellschaft für die Gestaltung der Grafik zum Jahrestreffen einen Vertreter der nächsten Grafiker-Generation beauftragt, der für Kontinuität und moderne Buchkunst steht. Heute arbeitet er unter anderem in Aschersleben als Dozent der Kreativwerkstatt. Sven Großkreutz studierte zeitweise an der HGB, war Meisterschüler bei Ulrich Hachulla.
 

Wandegemälde von Laura Bruce

Christiane Wisniewski beendete ihre Führung durch den Riegelbau vor dem Wandgemälde „De Septentrione ad Austrum“ von Laura Bruce. Die Künstlerin hat das 6 x 10 Meter große Bild 2015 frei nach einer Karte von Adam Olearius (1599 bis 1671) in Anlehnung an persische Wandteppiche oder Tapisserien gestaltet. Damit war die Brücke zum nächsten Höhepunkt geschlagen, den Stiftungsmitarbeiterin Annett Krake vorbereitet hatte. Sie führte die Pirckheimer gedanklich einige hundert Jahre zurück und hatte extra aus einer Ausstellung im Schloss Wernigerode die "Vermehrte Moscowitische und Persianische Reisebeschreibung" von 1656 (Erstausgabe 1647) für den Tag nach Aschersleben mitgebracht.
 

Reisebeschreibung von Adam Olearius
Während Annett Krake im Original einzelne Seiten zum Betrachten aufschlug, durften die Pirckheimer im daneben liegenden Faksimile ausgiebig selbst blättern. Zu verdanken haben wir den Reiseführer Adam Olearius, der 1599 in Aschersleben getauft wurde und Absolvent des dortigen Gymnasiums war. Er wird 1633 Sekretär und Botschafter einer abenteuerlichen Gesandtschaft Friedrichs III. zu Schleswig-Holstein-Gottorf, die ihn im August 1634 nach Moskau führte. Nach erfolgreichen Verhandlungen mit Zar Michail kehrte Olearius mit einem Teil der Gesandtschaft nach Gottorf zurück, um die Verträge unterzeichnen zu lassen. Ende März 1636 traf er erneut in Moskau ein. Von dort ging es weiter nach Nischni-Nowgorod, über das Elbrus-Gebirge in die persische Hauptstadt Isphahan. 1639 kehrte die Gesandschaft wieder nach Gottorf zurück. Adam Olearius schrieb seine Beobachtungen nieder und schuf so „eine Reisebeschreibung der Expedition von immensem hohen kulturellen und wissenschaftlichen Wert“, sagte Annett Krake. Die Reisebeschreibung vermittelt und prägt lange das westeuropäische Bild Russlands. Krake: „Erstmals wurden die bereisten Länder in ethnologischer, geografischer und historischer Hinsicht beschrieben.“ Das von ihr mitgebrachte Exemplar stammt aus der Bibliothek der höheren Mädchenschule in Aschersleben. Die Kupferstiche sind von Christian Rothgießer, der Außeneinband aus italienischem Leder gefertigt.
 
Klopstockhaus und Lyonel-Feininger-Galerie

Nach Neo Rauch und Adam Olearius in Aschersleben folgten Friedrich Gottlieb Klopstock und Lyonel Feininger in Quedlinburg. Der Wipertihof, direkt neben der Lyonel-Feininger-Galerie gelegen, erwies sich als perfekter zentraler Anlauf- und Ruhepunkt für den Nachmittag und Abend. Dort gab es sowohl einen kleinen Mittagsimbiss als auch Kaffee und Kuchen und zum Abschluss des Tages das Festessen.

Doch bis das soweit war, sahen sich die Pirckheimer – natürlich in kleinen Gruppen - in der Feininger-Galerie die Ausstellung "StrichCode" an, in der die Jahresgaben der letzten 20 Jahre des Vereins für Original-Radierung aus München zu sehen sind. Begrüßt wurden sie dazu von Dr. Gloria Köpnick, Direktorin des Museums. Seit knapp zwei Wochen im Amt, freue sie sich besonders, mit den Pirckheimern ganz spezielle Besucher mit einer besonderen Beziehung zu Grafik begrüßen zu können. Köpnick: „Eine bessere Besuchergruppe zum Amtsantritt könnte es nicht geben.“ Sie führte die Pirckheimer in die Ausstellung ein: „Die Arbeiten bilden einen Reigen unterschiedlichster Positionen der zeitgenössischen Druckgrafik, die natürlich weit über den Rahmen der klassischen Radierung hinausgeht und auch experimentelle Mischformen einschließt. So fügt sich diese Ausstellung in die Grundkonzeption des Hauses, den Reichtum druckgrafischer Techniken im Kontext ihrer Geschichte vor Augen zu führen.“
 

Fritz Jüttner – Kenner und Sammler von Klopstocks Werken

Nachdem Dr. Gloria Köpnick die Pirckheimer auf den Besuch der Lyonel-Feininger-Galerie eingestimmt hatte, übernahm dies für die parallel stattfindende Besichtigung des wenige Meter entfernten Klopstockhauses unser Berliner Pirckheimer-Freund und Klopstock-Sammler Dr. Fritz Jüttner. Zum ersten Mal hatte Jüttner das Haus, das seit 1899 Klopstock-Museum ist, auf einer mehrwöchigen Fahrradtour als Mitglied einer Niederlausitzer Schülergruppe durch den Harz unter Leitung eines engagierten Deutschlehrers am 3. August 1953 (!) besucht. Das sei für ihn wie eine Initialzündung gewesen, sich mit Klopstock zu beschäftigen. „Es war ein prägender Besuch“, und der Beginn einer lebenslangen (Sammel-)Leidenschaft für den „Wegbereiter und ersten wirkmächtigen Repräsentanten der großen deutschen Dichtung des 18. Jahrhunderts“, wie Jüttner Klopstock charakterisierte. Anschließend führte er die Vereinsmitglieder durch alle Räume der Klopstock-Ausstellung im Geburtshaus des Dichters und kommentierte die ausgestellten Erstausgaben und anderen bibliophilen Kostbarkeiten. Hervorgehoben seien die Oden-Ausgaben vom äußerst seltenen frühesten selbständigen Oden-Druck (Zürich 1750) bis zum zweibändigen Folio-Druck in Göschens Prachtausgabe (Leipzig 1798). Die Pirckheimer verfolgten den Weg des gewaltigen Hexameter-Epos "Der Messias" vom Druck der begeistert aufgenommenen ersten drei Gesänge 1748 in den "Bremer Beiträgen" bis zur Vollendung 1773 im Band IV der Hallenser Ausgabe mit den Gesängen 16 bis 20 sowie den späteren wichtigen Ausgaben, die von Klopstocks Weiterarbeit am großen Epos zeugen: der "Ausgabe der letzten Hand" (Altona 1780) und der "Ausgabe des letzten Fingers" (Göschens Folio-Prachtausgabe in 4 Bänden 1799).
 

Festessen und Ehrung von Udo Mammen

Wer nach Feininger und Klopstock noch Kraft und Muße hatte, erkundete die Welterbestadt Quedlinburg bei einer Nachtwächterführung. Anschließend gab es regionale kulinarische Köstlichkeiten. Das traditionelle Festessen bot zudem den Rahmen für die Ehrung des Pirckheimers Udo Mammen aus Halberstadt. Er feierte in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag und ist Gründungsmitglied unserer Gesellschaft. Nicht zuletzt war es seiner Anregung zu verdanken, in diesem Jahr das Treffen in der Region abzuhalten. Mit einer finanziellen Zuwendung für die Restaurierung eines Buches aus dem Bestand der Bibliothek des Gleimhauses gratulierten die Pirckheimer dem Jubilar, der zudem viele Jahre als Vorsitzender des Förderkreises Gleimhaus e.V. aktiv war.

Am Sonntag endete das Treffen mit der Mitgliederversammlung. Die übereinstimmende Einschätzung der Teilnehmer: "Ein sehr gelungenes Jahrestreffen“, wofür sie sich mit viel Applaus und der Vorstand mit einem kleinen Geschenk bei der Hauptorganisatorin Katrin Aepler herzlich bedankten.

Ralf Wege