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1955-1960

1955-1960

Porträt Werner Klemke.jpg
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Gründungsmitglied und Schöpfer des Pirckheimer-Signets: der Künstler Werner Klemke.
Pirckheimer-Enthusiast und Direktor der Staatsbibliothek Berlin: Horst Kunze.
Ein weiterer Gründungsvater der Pirckheimer: Ernst Kaemmel.
Der Aufbruch: In den 1950ern bildet eine kleine Gruppe von herausgestellten Intellektuellen, Schriftstellern, Künstlern und Buchgestaltern die Keimzelle der Bibliophilie in der DDR.

1955

Am 23. Mai 1955 tritt im Berliner Club der Kulturschaffenden (Jägerstraße 2-3) ein Initiativkomitee vor die Öffentlichkeit, um die Gründung einer »Pirckheimer-Gesellschaft zur Pflege des deutschen Buches im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands« zu verkünden, wie in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften zu lesen ist. Mehrere Veröffentlichungen tragen schon das heute noch verwendete Signet mit dem Pirckheimer-Kopf von Werner Klemke. Dem Initiativkomitee gehören an: Bruno Kaiser (Direktor der Bibliothek des Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts beim ZK der SED), Heinrich Löwenthal (Oberrichter beim Obersten Gericht der DDR), I. M. Lange (Cheflektor im Volk und Wissen Verlag Berlin), Wolfgang Richter (Cheflektor des Verlages Rütten & Loening Berlin) und Werner Klemke (Buchkünstler und späterer Professor an der Hochschule für angewandte Kunst Berlin-Weißensee). Zur Gründungsveranstaltung, die von einer Ausstellung zu Schillers 150. Todestag, mit alten Ausgaben hauptsächlich aus dem Besitz von Bruno Kaiser, in der Bibliothek des Kulturbundes begleitet wird, sind auf Grund verschiedener Pannen fast keine potentiellen Mitglieder gekommen. So wird die Wiederholung beschlossen. Das Vereinsrecht ist in der DDR außer Kraft gesetzt, deshalb wird die Pirckheimer-Gesellschaft von vornherein als Sektion des Kulturbundes etabliert. Das fällt den Gründern umso leichter, weil sie, fast alle Mitglieder der SED, die Bibliophilie in der sozialistischen Gesellschaft verankern wollen. Noch in diesem Jahr eröffnet das Initiativkomitee, zu dem der Finanzwissenschaftler Ernst Kaemmel stößt, in der Mittelstraße 29 ein Büro, das von der Sekretärin Editha Wollschläger geführt wird. Die alleinige Finanzierung übernimmt schon bald der Kulturbund.

1956

Am 29. Januar treffen sich im Café Budapest, Berlin, Stalinallee 165, etwa 80 Bücherfreunde, um die Pirckheimer-Gesellschaft in aller Form aus der Taufe zu heben. Das Präsidium besteht im wesentlichen aus dem Initiativkomitee, Kaiser, Löwenthal, Lange, Kaemmel und Klemke, mit Ausnahme von Wolfgang Richter, der sich noch im alten Jahr in den Westen abgesetzt hat und dort Cheflektor bei Ullstein wird. Die Festrede hält Arnold Zweig, der wie etliche andere Schriftsteller, darunter Louis Fürnberg und der damals noch unbekannte Johannes Bobrowski, Mitglied der Gesellschaft wird. Er holt bis in die Frühgeschichte der Menschheit aus, um die lange Tradition des schönen Buches zu beschreiben, und schließt mit einem Loblied auf Geist und Phantasie: »Am Ende wird der Geist den Säbel überwinden.« Grußschreiben von Johannes R. Becher und Lion Feuchtwanger werden verlesen. Bruno Kaiser umreißt die Ziele und die Arbeitsaufgaben. Neben dem Bewahren des Bucherbes sieht er im Fördern des neuen Buches eine gleichrangige Aufgabe. Gewählt wird ein Geschäftsführender Vorstand, dem die Mitglieder des Initiativkomitees und Walter Berger, Ausstattungsleiter des Verlages Rütten & Loening, angehören, und ein 18 Personen umfassender Gesamtvorstand, dem außer den Genannten der Schriftkünstler Albert Kapr, der Kinderbuchverleger Alfred Holz, die Altverleger Heinrich F.S. Bachmair und Wieland Herzfelde, der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski und der Hauptdirektor der Deutschen Staatsbibliothek Horst Kunze angehören. Den Teilnehmern kann ein erster, bescheidener Druck übergeben werden: Friedrich Schillers Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt im Jahre 1547 mit einem Holzstich von Werner Klemke. Außerdem können sie in der nahegelegenen Karl-Marx-Buchhandlung eine Don-Quixote-Ausstellung sehen, die hauptsächlich aus dem Besitz von Bruno Kaiser zusammengestellt worden ist. Am Jahresende zählt die Gesellschaft 94 Mitglieder, prognostisch werden »optimal« nicht mehr als etwa 350 erwartet. 
In Leipzig und Radebeul bilden sich Pirckheimer-Gruppen, die ein eigenes Leben entfalten. Die Radebeuler Gruppe wird seit März von Paul Gimmel, Mitarbeiter der »Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse«, geführt, die Leipziger seit dem 2. Mai von dem selbständigen Antiquar Karl Markert. Besonders in Leipzig entwickelt sich rasch ein reges Vortragsleben. Am 5. Dezember spricht Albert Kapr über den Schreibmeister der Renaissance Johannes Neudörffer d. Ä. und am 14. Dezember Hans Lülfing über Bücher und Bücherfreunde im Zeitalter der italienischen Renaissance. 
Der Naumburger Antiquar und Sammler Erwin Kohlmann veranstaltet fast im Alleingang von Juli bis September in den Staatlichen Museen Berlin eine Pirckheimer-Ausstellung mit historischen Spielkarten Des Teufels Gebetbuch, zu der Werner Klemke ein Plakat schafft. Im Dezember und Januar des folgenden Jahres findet in der Staatsbibliothek eine stark beachtete Ausstellung zum neuen Kinderbuch statt, die von Horst Kunze im Auftrag der Bibliothek und in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer-Gesellschaft veranstaltet wird. Den Katalog erhalten die Mitglieder als Jahresgabe.

1957

Im Januar erscheint das erste Heft der Marginalien. Blätter der Pirckheimer-Gesellschaft im Selbstverlag der Gesellschaft. Die Redaktion der ersten beiden Ausgaben liegt in der Hand von Heinrich F.S. Bachmair, einst erster Verleger von Johannes R. Becher und Redakteur der bibliophilen Zeitschrift Der Bücherhirt. Auf Grund gesundheitlicher Probleme und der Anforderungen durch seine 1956 erst neu angetretene Stellung in der Deutschen Akademie der Künste gibt er die Redaktion wieder auf. Dabei spielen der schlechte Manuskripteingang und vielfältige Schwierigkeiten bei der Herstellung eine nicht zu übersehende Rolle. Die Marginalien widmen Bachmair nach seinem Tod im Jahr 1960 zwei wichtige Beiträge mit einer Bibliographie seiner eigenen Veröffentlichungen und einem Verzeichnis seiner Verlagsproduktion (Marginalien, 1963, H. 14, und 1966, H. 24)
. Die Radebeuler Pirckheimer-Gruppe publiziert einen eigenen kleinen Druck, eine in Radebeul von Jeanne Berta Semmig zum 80. Geburtstag von Hermann Hesse gehaltene Rede, die im Tessin auf wohlwollende Aufnahme stößt: Hermann Hesse. Ansprache zum 80. Geburtstag am 2. Juli 1957 (Marginalien, 1957, H. 3).
 Um ein Berliner Gruppenleben anzuregen, laden Ernst Kaemmel und Werner Klemke eine Anzahl von Mitgliedern in ihre Wohnungen, wo sie ihre Sammlungen vorführen (Marginalien, 1957, H. 2). Einige weitere Veranstaltungen dieser Art finden in den kommenden Jahren statt, werden aber von Horst Kunze (und anderen) als »bibliophile Teekränzchen« strikt abgelehnt.

1958

Max Frank, Leiter der Bibliothek im Haus der Ministerien, übernimmt die Redaktion der Marginalien (vgl. Marginalien, 1977, H. 66). Unter seiner Leitung erscheinen zunehmend wichtige buchkundliche Aufsätze und auch Positionsbestimmungen zur Bibliophilie im Sozialismus. Das zeitgenössische Buchschaffen wird kritisch unter die Lupe genommen. Doch durch die Übernahme der Direktion der Landesbibliothek Gotha fehlt ihm ausreichend Zeit für die Redaktionsarbeit, so daß es zu Problemen mit der Fertigstellung der Hefte kommt, das Impressum spricht deshalb von »zwanglosem Erscheinen«.
 Die Mitglieder erhalten als Gabe den im Aufbau-Verlag publizierten Titel von Arnold Zweig Fünf Romanzen und das von der Gesellschaft verlegte Buch von Jürgen Kuczynski Sechs Generationen auf Bücherjagd, mit dem der Vorstand eine Reihe eröffnen will. Doch weitere Bände erscheinen nicht, wie überhaupt die eigene Publikationstätigkeit in der Pirckheimer-Geschichte künftig meist hinter den Erwartungen zurückbleibt. Die führenden Pirckheimer-Freunde, wie Bruno Kaiser und Horst Kunze, publizieren in vielen Verlagen, so daß keine Zeit mehr für vereinseigene Drucke bleibt. Kuczynskis Buch verhilft der Familienbibliothek zu einem legendären Ruf.

1959

Am 18. Juli veröffentlicht Bruno Kaiser im Neuen Deutschland einen Artikel über die Notwendigkeit der Bibliophilie im Sozialismus. Der hilft in den kommenden Jahren immer wieder bei der Ausräumung von Vorurteilen unter den Funktionären, die Bibliophilie als bürgerlichen Snobismus ablehnen.
 Am 4. Dezember veranstaltet die Berliner Gruppe im Club der Kulturschaffenden einen Vortragsabend mit zwei Referenten, Horst Kunze, der über das Thema Broschiert oder nicht broschiert? spricht, und Lore Kloock, Verlagsleiterin, die ihren Verlag Rütten & Loening vorstellt (Marginalien, 1960, H. 7). Diese Art öffentlicher Veranstaltungen wird mit wachsendem Erfolg wiederholt und stiftet damit auch in Berlin die Vortragstradition der Pirckheimer-Gesellschaft. 
In Leipzig findet die III. Internationale Buchkunst-Ausstellung (iba) statt, mit der die durch Krieg und deutsche Teilung schwer geschädigte Messestadt an ihre alte Größe anknüpfen will. Die Pirckheimer-Gesellschaft veranstaltet innerhalb der Leistungsschau die Ausstellung Auf den Zinnen der Partei – Ein Jahrhundert deutscher revolutionärer Lyrik. Hinter dem pathetischen Titel verbirgt sich ein Hauptinteressengebiet von Bruno Kaiser, der durch Editionen zur Literatur des 19. Jahrhunderts, besonders von Georg Herwegh und Georg Weerth, seit den fünfziger Jahren einen guten Ruf unter deutschen Philologen hat. Die Pirckheimer-Gesellschaft erhält aus Anlass der Exposition eine Bronzemedaille. Goldene Medaillen erhalten Albert Kapr und Werner Klemke, deren Glanz auch auf die Pirckheimer-Gesellschaft ausstrahlt.

1960

Die Ausstellung Buch und Kitsch, bestückt von einer ganzen Reihe von Pirckheimer-Freunden, zieht im Zeitungspavillon am Bahnhof Friedrichstraße Tausende Besucher an und wird anschließend in acht weiteren Städten gezeigt (Marginalien, 1960, H. 10). Das erhaltene Gästebuch belegt, daß die pädagogische Absicht auch auf Kritik stößt: Mancher Besucher verteidigt seine Liebe zum Kitsch (vgl. Pirckheimer-Archiv, Nr. 46).
 Die Radebeuler Pirckheimer-Gruppe, seinerzeit etwa zehn Mitglieder zählend, wählt am 12. Juli Fritz Treu, Leiter einer Gewerkschaftsbibliothek, zum neuen Vorsitzenden (Marginalien, 1980, H. 80). Er organisiert über 20 Jahre lang eine Vielzahl von Veranstaltungen, von denen sich viele dem Thema Dresden, seiner Kunst und seinen Büchern widmet. In Leipzig spricht am 29. Januar der Schriftkünstler F. H. Ehmcke aus München auf einem Pirckheimer-Abend über den Buchillustrator Karl Rössing. Gastvorträge aus dem Westen Deutschland sind in jenen Zeiten rar und bleiben deshalb bis zum Ende der DDR in der Regel publikumswirksame Ereignisse.
 Offenbar auf Initiative von Bruno Kaiser werden Johannes Dieckmann, Volkskammerpräsident, und Alfred Kurella, Leiter der Kulturkommission beim Politbüro der SED, für die Pirckheimer-Gesellschaft gewonnen und sogleich zu Ehrenmitgliedern erklärt (Marginalien, 1960, H. 10). Die Gründer der Gesellschaft suchen die Nähe zur Macht, um mit ihrer Hilfe ihre bibliophilen Interessen verwirklichen zu können. Später tritt ein weiterer Repräsentant der DDR der Gesellschaft bei: Lothar Bolz, langjähriger Minister für auswärtige Angelegenheiten und ein außergewöhnlich erfolgreicher Sammler von Druckgraphik. Wenige Erwählte, denen er seine Schränke öffnet, erzählen von außergewöhnlich wertvollen Blättern der Klassischen Moderne, etwa von Toulouse-Lautrec, und der frühen sowjetrussischen Kunst.

 

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