Samstag, 6. August 2016

„Auch dieses Kleid ist ein echter Klemke“

Er wolle „Höhepunkte“ seiner Klemke-Sammlung zeigen, so hatte Agnes Kunze das Sammlergespräch mit dem Pirckheimer Matthias Haberzettl am 3. August im Winckelmann-Museum Stendal angekündigt und damit etwas tief gestapelt. Geradezu von Gipfel zu Gipfel stürmte Haberzettl an diesem Abend. Als Ausrüstung hatte er lediglich einen, wie er es nannte „Promillebereich“, seiner Sammlung dabei. Ein „Promillebereich“ hört sich zwar nach wenig an an, doch birgt er in diesem Fall außergewöhnliche, seltene und auch einzigartige Stücke.
Dass das Gespräch im Winckelmann-Museum stattfand, hatte seinen guten Grund. Dort war acht Wochen zuvor die Ausstellung „Eigentlich bin ich ein alter Grieche - Werner Klemke (1917-1994) Künstler und Büchernarr“ eröffnet worden. Viele Exponate stammen ebenfalls aus der Haberzettlschen Sammlung. Sind dort bereits seltene Stücke zu sehen wie eine japanische Ausgabe vom „Wolkenschaf“, die drei Bände des „Amicis Librorum“ oder einen Stichel und Pinsel, mit denen Werner Klemke selbst gearbeitet hatte, so legte Haberzettl jetzt noch einmal nach. Viele der mitgebrachten Bücher sind durch Widmungen oder Einzeichnung besondere Stücke. Andere sind auf Grund ihre Seltenheit und als Zeitdokument begehrt bei Sammlern. Beispielhaft sei hier das „Trinkerbuch“ (Typoskript von 1947) genannt, das Haberzettl mitgebracht hatte. Das „Trinkerbuch“ sind zwei Bände Cocktail-Rezepte, die Klemke als Wehrmachts-Soldat in Holland selbst geschrieben, illustriert und schließlich als Bücher eingebunden hat. Im Gepäck hatte Haberzettl auch sein „wertvollstes“ Buch, wie er sagte. „Kietz & Welt“, eine Hommage an Werner Klemke zu dessen 70. Geburtstag 1987 erschienen, bekam er noch im selben Jahr von Horst Kunze, mit dessen Signatur sowie einer Widmung und Einzeichnung von Werner Klemke. Außerdem sammelte Haberzettl weitere Widmungen von Künstlern, die zu diesem „wertvollsten“ Buch beitrugen: Egbert Herfurth, Wolfgang Würfel, Inge Jastram und Manfred Butzmann.
Das Erlebnis, diese seltenen Stücke zu sehen, ihre Provinienz kennenzulernen und zum Schluss in die Hand nehmen zu können, war nur eine Seite dieses unterhaltsamen Abends. Eine solche Sammlung aufzubauen bedarf es neben unermüdlicher Suche in Antiquariaten, auf Auktionen oder in Online-Plattformen vor allem persönlicher Kontakte. Und da hat sich Matthias Haberzettl ein dichtes Netzwerk geknüpft. Dazu gehören nicht nur persönliche Verbindungen zu den Kindern von Werner Klemke sondern auch zu Klemkes Künstlerkollegen oder seinen Schülern. Immer wieder fielen im Laufe des Abends Namen wie Horst Kunze, Egbert Herfurth, Wolfram Körner, Hans-Joachim Behrendt, Erika und Gerhard Bläser oder Kurt Schwaen. Entsprechend vielfältig, amüsant und informativ waren die Anekdoten, mit denen Matthias Haberzettl von seinen Begegnungen mit ihnen erzählte. Inzwischen hat sich Matthias Haberzettl einen Ruf als seriöser Sammler und kenntnisreicher Klemke-Experte erarbeitet. Daher wechselte in den vergangenen Jahren so manches Stück den Besitzer nicht aufgrund des Geldes, sondern mit dem Wissen ein besonderes Stück in sachgerechte Hände zu legen und so der Nachwelt zu erhalten. Die wahrscheinlich älteste Klemke-Widmung seiner Sammlung stamme von 1949, erzählte Haberzettl. Geschrieben hatte sie Klemke an Mels de Jong, den Klemke während seiner Soldatenzeit in den Niederlande kennengelernt hatte und mit dem er sein Leben lang befreundet war. Und schon war Haberzettl beim Film „Treffpunkt Erasmus – Die Kriegsjahre von Werner Klemke“. Die Produktion des Films hat er zusammen mit der Pirckheimer-Gesellschaft nicht nur tatkräftig unterstützt, Haberzettl stand dem Filmteam auch als Berater zur Seite.
Das war ein weiteres Beispiel dafür, dass das sammlerische Selbstverständnis von Haberzettl ein umfassendes ist. So konnten sich die Gäste des Abends mehrfach davon überzeugen, dass ein Bibliophile wie Haberzettl seine Sammlung nicht nur mit Blick auf das Buch oder die Grafik aufbaut. Auch, wenn zugegebenermaßen die künstlerische Vielfalt und die handwerkliche Meisterschaft Klemkes einen fast unerschöpflichen Fundus an Sammelobjekten bietet. Dafür hatte Haberzettl ebenfalls Beispiele mitgebracht wie das Seidentuch „Neues Deutschland“ aus DDR-Produktion, bedruckt mit 56 Szenen aus Boccaccios Dekamaron, Exlibrisse, die Plasttüte „Das Magazin“ oder eine von Klemke für den Buchbinder Werner G. Kießig gestaltete Pappe, die 1963 einem kleinen Abreißkalender als Rückhalt und Aufhängung diente. Wie vielseitig Klemkes Schaffen und damit die Bandbreite der Sammlung ist, zeigte Haberzettl anhand der Zusammenarbeit Klemkes mit dem Theatermann Erhard Kunkel. Beide brachten 1968 das Stück von Roger Planchon „Die drei Musketiere nach Alexandre Dumas“ im Friedrich-Wolf-Theater in Neustrelitz auf die Bühne. Dass Klemke Programmheft und Plakat entwarf, ist naheliegend. Nicht jedoch, dass die Ausstattung, Bühnendekoration und Kostüme seine Handschrift trugen. „Auch das Kleid ein echter Klemke“, kommentierte Haberzettl einige Bühnen- und Aufführungsfotos, die er nach Stendal mitgebracht hat. Gerne nahmen die rund 20 Gäste des Abend nach gut 90minütiger Reise durch ein Stück (ost)deutscher Buch-, Kunst- und Kulturgeschichte einige Exponate in die Hand. So manches „ah“, „ach ja, das habe ich auch“ und „das kenne ich doch“, waren zu hören.
Dass auch völlig unerwartete Objekte Bestandteil seiner Klemke-Sammlung werden könnten, ließ Haberzettl anklingen, indem er einen erst wenige Stunde alten Bescheid wegen eines „Verstoßes im ruhenden Verkehr“ hochhielt und laut überlegte: „Original signiert, datiert mit dem 3. August in Stendal, das wird mich immer an diesen Klemke-Abend erinnern.“ Aber diese Sammelobjekte sind bereits die nächste Geschichte …
(Ralf Wege)

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