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Peter Arlt

Pirckheimer-Blog

Peter Arlt

Fr, 04.01.2013

von Altenbourg bis Zettl

Grafische Mappenwerke und Einzeldrucke in der Weimarer Galerie Hebecker

Wer Kunst aus der DDR präsentieren will und dabei kaum Grafik zeigt, bedarf einer Ergänzung. Somit tritt der großen Ausstellung im Neuen Museum Weimar die neue Präsentation der Galerie Hebecker an die Seite. An ihren Grafiken spürten die Künstler die Reaktionen auf ihre oft kritischen Botschaften. Und dank erschwinglicher Preise trug Grafik zur demokratischen Kunstverteilung bei.
Immerhin 155 Grafikmappen wirkten zur differenzierten Kunstentwicklung mit – im Auftrag von Parteien und Massenorganisationen, vom Kulturfonds der DDR, Staatlichen Kunsthandel, Verband bildender Künstler oder Ateliergemeinschaften wie in Erfurt, von der die Jahresgabe „Schatten“-Blätter zu sehen ist.
Von „Altenbourg bis Zettl“ ist die Ausstellung kühn überschrieben, von A bis Z, alles umfassend. Aber mit 37 Künstlern und ihren Werken der 1940er-Jahre bis 1989 umspannt sie einen pluralen künstlerischen Spielraum, weilt bei Altenbourg in den lyrisch unbestimmten Wildnissen der Psyche, weist bei Zettl ins Metall geritzte glasklare Analyse vor.
Jeder war bestrebt, einzigartig zu sein. Dabei suchten sie oft bei Dichtern, wie Arendt, Bobrowski, Böll, Brecht, Bulgakow, Dostojewski oder den Manns, „Tangenten“. Mit der gediegenen Ausbildung erwarben die Künstler ein profundes Können. Grafische Werke europäischer Spitzenklasse werden zu Grundmodellen von Arbeit und Solidarität, Glück und Leid und anderen präsentiert, die Sisyphos-Holzschnitte Wolfgang Mattheuers, das sterbende Pferd Fritz Cremers oder Hans Theo Richters Mutter mit Kind, deren Zuneigung zueinander er poetisch zart erfasst. Die deutsche Schuld an den Verbrechen in Lidice klagt schon 1948 Horst Strempel in einer kaum bekannten, aber großartigen Radierung an.
 
Heinz Plank, Aus dem Leben des Galilai, © für die Abb.: Galerie Hebecker
Vor allem weist die Präsentation Meister der Kunst Senefelders aus: Lithografien zur Dreigroschenoper von Bernhard Heisig, ein Druckerexemplar an Horst Arloth von Arno Rink, „Am Kreuz“ von Werner Tübke oder ein Liebespaar von Willi Sitte. Als Meister der Asphaltschab-Technik zeigt sich Rolf Münzner, bei dem in subtilster Manier aus geschabten Linien eine Figurenwelt in Erscheinung tritt. In ihrer ästhetischen Souveränität versteckt Ursula Mattheuer-Neustädt Hunderte Motive im Schablitho-Blatt „Phantasie“ und verwandelt die Bildfantasie des Berliners Horst Hussel in dem großen Farbholzschnitt „Der Magier“ Wirklichkeit in Kunst.
 
Wolfgang Mattheuer, aus Sisyphos © für die Abb.: Galerie Hebecker
Der naive Albert Ebert fasziniert in der Mappe „Varieté-Zauber“ mit veränderten Szenen auf dem Umdruck des Bühnenrahmens und teilweise abgeschliffenen Stellen. Mit Mitteln der Übertreibung, Satire und Groteske verweist das sezierende ökologische Blatt „Der falsche Antonius“ von Baldwin Zettl mit christlicher Ikonografie auf jenen von Padua, der vor Fischen predigt, die zu ihm die Köpfe aus dem Wasser hoben, wobei sein Kupferstich von 1989 das Wasser verlandet und mit Müll verschüttet zeigt. Einen Rückblick auf den jungen Heinz Plank und seinen rationalen Weltentwurf bietet die Radierfolge „Aus dem Leben des Galilei“ von 1972 gegen die doktrinäre Erzwingung der Lüge.
„Planks neue Malerei eines oszillierenden Universum“ indes wird derzeit bis zum 19. Januar von den Erfurter Hebeckers gezeigt. Im gesteigerten surrealen Stil malt Plank virtuos wie Genesis und Apokalypse zusammenfallen, der Zwiespalt geboren wird, Elemente entstehen und sterben, die Leere nach der Zeit.
Auf der Suche nach originärer Individualität entwickelten die Künstler handwerkliches Können, um nicht allein mit virtuos kombinierten Techniken zu brillieren, sondern um eine gestalterische Dichte und fantasievolle Zeichenfindung zu erzielen. Vieles wird über Zeit und Leute ausgesagt − und alles verweist zudem auf aktuelle Bedeutungen.
(Peter Arlt in: Thüringer Allgemeine, 3. Januar 2013)
 
Ausstellung: 15. Dezember 2012 bis 16. Februar 2013
 
Galerie Hebecker
Schillerstr. 18
99423 Weimar

Mo, 10.12.2012

Das verlassene Kreuz

Parallel zu der Ikarus-Ausstellung präsentiert in Erfurt das Angermuseum die Exposition »Tischgespräch mit Luther«, 100 Werke von 56 Künstlern (bis 20. Januar 2013).
Der Untertitel »Christliche Bilder in einer atheistischen Welt« weist auf »das Paradoxon« hin, daß »trotz atheistischer Staatsdoktrin durchaus religiöse Themen ihren Platz hatten«. Ein journalistisch gern genutzter Topos, um auf die Aufmüpfigkeit in der Unfreiheit der DDR hinzuweisen. Dabei stellen im Vorwort des Kataloges (29,95 Euro) die Kuratoren Kai Uwe Schierz und Paul Kaiser klar, daß sich die Künstler damals wie jetzt naturgemäß bleibende Werte der Weltkunst aneigneten, und zeigen auch die »Fortwirkung des Phänomens in der Gegenwart« mit dem Papierschnitt »Schweißtuch« der Annette Schröter, Volker Stelzmanns Gemälde »Auffahrt Niederfahrt« und Horst Sakulowskis Zeichnung »Christuskopf«. Seinen »Christophorus« malte er 1987, parallel zu Lothar Warneckes Film »Einer trage des anderen Last«. Wie im Bild der kommunistische Häftling den als Christus bezeichneten rettet, soll ihre gemeinsame ethische Wurzel bekräftigen. 1998 präsentierte das Bild die Melbourner Ausstellung »Moderne Kunst und religiöse Imagination«.

Uwe Pfeifer - Tischgespräch mit Luther, Triptychon 1984
 Wenn Künstler in der DDR christliche Themen gestalteten, mag das weniger die von Karl-Siegbert Rehberg vermutete »Rückkehr des Religiösen« gewesen sein, als das völlig unparadoxe Verlangen nach künstlerischen Deutungsmustern. Von der Schöpfung, von Tod und Auferstehung oder von großen Fluten finden sie in den Überlieferungen Vergleichbares: Der biblische Prediger Salomo fragt wie ein Bruder des mythischen Sisyphos und der Mensch heute nach dem Gewinn für all die Mühe des Lebens. Durch christliche Kultur geprägt und sich an menschheitlichen Grundmodellen sinnvergewissernd, verbindet sich die Kunst mit der Tradition des Figürlichen, ad hominem, und künstlerischen Gattungen. Auf den jagenden Prozeß künstlerischer Innovation wird mit »Entschleunigung«, Besinnung und Zeitkritik reagiert. Nach dem Weltkrieg gab es bei Künstlern das Verlangen, Leid und Not lindern zu helfen, in der Trauer Trost zu spenden, aber auch die Schuldigen anzuklagen. Ohne Christ zu sein, malte der in beiden deutschen Staaten arbeitende Otto Dix in einer Trümmerlandschaft »Hiob«, der unverschuldet alles verlor, ein alttestamentarisches Leidensbild. Das neutestamentarische, der Gekreuzigte, bildet das christliche Hauptthema, nach 1945 aufgegriffen von Rene Graetz und Herbert Kitzel. Mit der Kreuzigung und ihrer Umdeutung kritisieren Künstler das von Gott verordnete Schicksal, die gottgleiche Forderung von Regierungen an Kinder ihres Volkes, im Krieg für fragwürdige Interessen ihr Leben zu opfern. Heidrun Hegewald klagt es mit ihrem Gemälde »Mutterverdienstkreuz in Holz« (1979) an. Zuvor zeichnete Joachim John das »Verlassen der Kreuze«, das sich eindrucksvoll in der Bronzeplastik »Genug gekreuzigt« (1982) des Bildhauers Fritz Cremer protestierend erhebt, ebenso beim Gemälde Bernhard Heisigs »Christus verweigert den Gehorsam« (1986-88). Gegen den Spruch »alles so weise eingerichtet«, reißt er sich vehement vom Kreuze los und zerrt die Dornenkrone vom Kopf. Eine typische Kunst aus der DDR, die zeitunabhängig, auch heute, zur Verweigerung von Kriegseinsätzen aufruft.
Biblische Themen als Deutungsfolie nutzen seit den 1960er Jahren Wolfgang Mattheuer, Fritz Cremer, Willi Sitte, Harald Metzkes, Werner Tübke und andere. Eine der prägnantesten Metaphern erfand 1965 Wolfgang Mattheuer mit dem »Kain«, den Erfurt zeigt, zudem die Kalksteinplastik »Brudermord« (1971) von Hartmut Bonk. Damals empfand man das als neuartigen allegorisch-symbolischen Ausdruck, der vom Vorbildschema abwich und sich aus den Niederungen des abbildhaften »sozialistischen Realismus« zu prägnanter, sinnschichtenreicher Bildhaftigkeit erhob. Wer das jetzt entdeckt und meint, daß dies »bisher kaum näher untersucht wurde«, kennt nicht die Forschungen Irma Emmrichs (1979), Helga Möbius' (1983), das schöne Buch »Dialog mit der Bibel« von Jürgen Rennert (1984) oder die Hochschulforschung beispielsweise in Erfurt. Die christlichen Themen, ob vom Weltuntergang zum Brudermord, von der Passion bis hin zu erotischen Bildern, nahmen alle stilistischen Richtungen auf, ob die lapidare von Rene Graetz und Gerhard Kurt Müller, die konstruktive von Philip Oeser und Hermann Naumann, die expressive von Joachim John, Michael Morgner, Werner Schubert-Deister oder Joachim Völkner, die punkige von Hartwig Ebersbach, die veristische von Volker Stelzmann und Norbert Wagenbrett, die sinnliche von Christoph Wetzel und Winfried Wölk, die surreale von Heinz Plank, die manieristische von Heinz Zander und Michael Triegel oder die naive von Albert Ebert.
Die Kunst in der DDR, jetzt als weniger konservativ und indoktriniert erkannt, entwickelte enorm solid und plural einen künstlerischen Spielraum. Das sollte Toleranz herausfordern. Selbst »staatsnahe« Kunst gab es zweifach. In Weimar zu sehen, aber nicht in Erfurt, die affirmative Kunst, die mit der Didaktik des unmittelbaren Realismus sich den politischen Redensarten eingängig angepaßt hat. Einbezogen in Weimar und Erfurt eben solche Kunst, die dem Ideal einer sozial gerechten und friedlichen Gesellschaft mit hoher künstlerischer Qualität verpflichtet ist und vom Staat manchmal weniger akzeptiert war.
Kuriose journalistische Versuche gegen die DDR sind Bilderdeutungen. So sieht jemand im Bild von Alexandra Müller-Jontschewa, den »Turm« als DDR-Staat und bei ihm »ein verhärmtes Volk hausen«. Tatsächlich sind sichtbar, nach Motiven von Albrecht Dürer, der Heilige Hieronymus als Übersetzer, darüber die grüblerische »Melancholie« und als drittes Motiv Raffaels streitende philosophische Schulen von Athen. Je höher im Turm von Babel der Wissensweg gelangt, je differenzierter, widersprüchlicher ist die menschliche Einsicht zur Wahrheit. Eine nicht auf die DDR bezogene essayistische Bildform, sondern auf die Welterkenntnis.
Das Hauptwerk in Erfurt, Uwe Pfeifers Triptychon »Tischgespräch mit Luther« (1984), durch einen Stuhl erweitert, der den Betrachter in das Gespräch zwischen Luther und dem MP-bestückten lateinamerikanischen Befreiungstheologen einbeziehen soll, drängt zur Frage über den Weg der vita activa zur gerechten Gesellschaft in der Welt. Damals und heute.

(Peter Arlt)

aus Ossietzki 25/2012, S. 981 - 983

Di, 13.11.2012

Ikarus im Offenen

 
Mit dieser »Kunst aus einem fremden, fernen Land« trifft manchen, wie eine Jüngere sagte, der Schlag. Wie wird da Kunst der DDR in der Ausstellung »Abschied von Ikarus« aufgenommen? Üblicherweise wurde sie im Kalten Krieg und seiner Fortsetzung nach 1990 als unfrei bewertet und mit solchen Entstehungsbedingungen verquickt, um sie auf »Staatskunst« zurückschneiden zu können, als hätte sich ihr Sinn mit dem Ende der DDR verschlissen. Höhepunkt, sie als nichtig und lächerlich zu diffamieren, war der Eklat mit »Aufstieg und Fall der Moderne« von 1999 in Weimar. Zum 60. Jahrestag der BRD mit der Schirmherrin Merkel ließ man die DDR-Kunst einfach weg, weil sie nicht als freie Kunst auf dem Boden des Grundgesetzes habe entstehen können; wie auch Werner Fuld unterstellte, eine in der DDR veröffentlichte Literatur, »verdient diesen Namen nicht«.
Dem steht 2012 in Weimar eine andere Richtung gegenüber. Schon 2003 präsentierte eine Retrospektive der Nationalgalerie »Kunst in der DDR« als kulturelles Erbe und führte 2006 im Schloß Oberhausen Ost- und West-Kunst zu »Deutsche Bilder« zusammen und entdeckte, wie 2009/10 in Nürnberg »Kunst und Kalter Krieg«, nationale Gemeinsamkeiten. Seit 2009 durchforsteten mit bewundernswertem Engagement Karl-Siegbert Rehberg und Paul Kaiser im Verbundprojekt »Bildatlas: Kunst in der DDR« der Technischen Universität Dresden lokale Museen und 87 öffentliche, niedergelegte Sammlungen. Die dort meist unsichtbar bleibenden Werke wollten sie aus dem Depot ins Offene holen, um sie und ihren wertenden Sinn aus der Abgeschiedenheit zu befreien. Dazu legten sie eine umfassende Dokumentation an und bereiteten Ausstellungen vor. Mit korrespondierenden Expositionen in Erfurt zur biblischen Thematik und Gera zu Atelierbildern zeigen sie mit dem Museumsdirektor Wolfgang Holler im Neuen Museum Weimar bis zum 3. Februar ein wirkliches Großereignis: 260 Arbeiten, vor allem Gemälde, wenige Plastiken und Grafiken aus allen Zeitphasen und Genres, staatsnah und -fern. Wie die Neue Zürcher Zeitung zurecht meint, habe man es nicht auf kunstrichterliche Wertungen abgesehen, sondern auf kulturhistorische und kunstsoziologische Deutung, die verfolge, wie sich die gesellschaftliche Situation der DDR in der Entwicklung der bildenden Künste spiegelt. Zur Neubewertung empfiehlt Karl-Siegbert Rehberg zu lernen, »daß es in der DDR nicht eine Einheitskunst gegeben hat, obwohl es eine einheitliche Kunstpolitik gab. Und daß nicht durch die Diktatur und die autoritären Verhältnisse die Bilder entwertet sind.« Das hätte jeder wissen können. Bereits 1977 präsentierte die Kasseler documenta, ein Hort der Freiheit der Kunst, realistische Kunst aus der DDR; und als Quelle zu einer Neubewertung gehören selbstverständlich die in der DDR erarbeiteten kunsthistorischen Sichten. Immerhin schwingt man sich mit der umfangreichen Arbeit am »Bildatlas« zur Behauptung auf: Das ist erstens Kunst und zweitens nicht Antimoderne, sondern Andere Moderne. Richtigerweise wird die Moderne plural und unter Einschluß der realistischen Strömungen definiert.
Weil das gesellschaftliche Projekt mit der Republik abgestürzt ist und wohl auch, was zu bezweifeln ist, die sozialistische Utopie, wird die Exposition mit »Abschied von Ikarus« überschrieben, ein Rahmenthema, das allerdings vielfältige Themen von Aufmunterung zum Übermut bis Niedersturz umfaßt. Das prägt den Auftakt mit der Konfrontation von Bernhard Kretzschmars zukunfts-weisender »Eisenhüttenstadt (Stalinstadt)«, 1955, und Wolfgang Mattheuers »Freundlicher Besuch im Braunkohlenwerk«, 1974, das nicht nur Landschaftszerstörung, sondern auch sozialen Dissens zeigt. Bergleute, profanierte Brüder des Sisyphos, beim landschaftsfressenden Steinwälzen, werden von maskenlachenden, schattenlosen Prüfern kontrolliert.

Die Masken herunterzureißen, die Wahrheit und Veränderungsbedürftigkeit der Realität zu sehen, fordern solche Bilder; in ihnen wird wie bei den Stürzenden von Fritz Cremer, Wieland Förster und Waldemar Grzimek ein tragischer Widerspruch von Utopie und Realität ausgetragen, Sinnbilder der entfremdeten Arbeit mit neuer globaler und gegenwärtiger Dimension.
Verwundert begegnen manche Bildern einer volksnahen Welt Arbeiter und Brigaden, der Maurerlehrling von Otto Nagel, die Mamais von Walter Dötsch und Willi Neuberts Parteidiskussion bis zu Volker Stelzmann mit seinem Schweißer oder die Brigaden von Lothar Zitzmann, Werner Tübke, Wolfgang Peuker, Nobert Wagenbrett und das badende Kollektiv von Wilfried Falkenthal. Jüngere wissen nicht, wie der Meister Falk damals die Leute vor die Fernseher zog, weil ihnen der Erfolg der gemeinschaftlichen Anstrengung wichtig war. Ein humanes Menschenbild mit Sinnlichkeit, gepriesen von Liebespaaren Willi Sittes oder Nuria Quevedos, und mit wissenschaftlichen Rationalismus und technokratischer Idealität illusorisch gesteigert vom spanischen Immigranten Josep Renau. Oft wurde die ostdeutsche Kunst kritisiert, weil sie mit dem Staat DDR identifiziert werden kann. Nunmehr heißt ein neuer Weg, die DDR zu delegitimieren: Jetzt machen wir die Kunst der DDR zu unserem Verbündeten und loben sie als engagierten Gegner der DDR, Kunst versus Staat. Gezeigt, gedeutet, vermutet Rehberg irrtümlich im Katalog beim Bildmotiv einer Tricolore, diese sei bundesrepublikanisch, obwohl sie, auf die französische Revolution bezogen, davon sprach, zur Revolution zu eilen und nicht zur Einheit. Natürlich bediente sich die Kritik im Lande nicht zuletzt der Kunst als Organ kollektiver Selbstverständigung und subversiver Kraft. Dazu hinterfragten Künstler in allen Phasen der DDR ungewöhnlich häufig antike Mythen auf deren aktuelle Bedeutung. Mit Kassandra, Prometheus, Parisurteil oder Angela Hampels »Penthesilea« zeigt Weimar nicht allein Ikarus' Schicksal. Dieses erschien allerdings sowohl für optimistische Hochphasen als auch für krisenhafte persönliche wie gesellschaftliche Situationen paradigmatisch: Ikarus als kosmischer Flugpionier bei Willi Sitte, 1957; Absturz des begeisterten Ikarus und sein Tod bei Bernhard Heisig, 1979; behinderte Ikarusse wie bei Via Lewandowsky, 1988. Manches fehlt, zum Beispiel Winfried Wolks Ikarus, der eine angedeutete Flughaltung mit realem Duckmäusertum verbindet, oder die Sturzgestalten Bernd Göbels und Ronald Paris' Ikarus, dem Sisyphos begegnet, die zeigen, daß das Leitbild Bestand hat. Ikarus, die kritische und innovative Kraft der Menschheit, wird immer wieder von Künstlern verabschiedet und willkommengeheißen, um im Offenen zu wirken.
(Peter Arlt)
 
aus Ossietzki 23/2012, S. 900 - 902

Di, 02.10.2012

Konstituierung des Vorstands

Die Funktionen innerhalb des Vorstands werden wie folgt verteilt:

Vorsitzender: ...
Stellvertretender Vorsitzender: Ferdinand Puhe
Schatzmeister: Abel Doering
Schriftführer: Ernst Reif
Weiteres Vorstandsmitglied: Prof. Dr. Peter Arlt

Beschluss Nr. 1 in 2012

Mo, 10.09.2012

neuer Vorstand

Die Mitgliederversammlung der Pirckheimer-Gesellschaft hat am Wochenende in Ingolstadt turnusgemäß einen neuen Vorstand gewählt.
 
Dem neuen Vorstand gehören an: WK - Vorstandsvorsitzender, Peter Arlt (Gotha), Abel Doering (Berlin) - Schatzmeister, sowie Ferdinand Puhe (Eltville) - Stellv. Vorsitzender und – als neues Vorstandsmitglied – Ernst Reif (Reichertshofen) - Schriftführer. Konrad Hawlitzki (Berlin) stand aus Altersgründen für eine Wiederwahl in den Vorstand nicht mehr zur Verfügung.

Außerdem beschloss die Mitgliederversammlung, dass das Pirckheimer-Jahrestresffen 2013in Gera und Greiz stattfinden wird. Die Organisation wird in den Händen von Udo Wittkowski liegen.

Mi, 16.02.2011

Nelkenwurz und Frauenmantel

Pflanzenstudien von Otto Knöpfer


Anlässlich des 100. Geburtstages Otto Knöpfers sind in dieser Ausstellung ausgewählte Pflanzenstudien aus seinem Nachlass zusammengestellt, welcher seit 1998 im Schlossmuseum Molsdorf bewahrt wird.

Mit naturgetreuer Akribie und dennoch den Augenblick einfangend hielt der Künstler Merkmale und Charakter der heimischen Pflanzenarten in diesen Studien fest. Er wollte "... für die Menschen eine freundliche Belehrung (schaffen), in der Natur näher hinzusehen. Was gibt es nicht alles zu entdecken auf einer Sommerwiese oder am Wegrand …". Die zumeist mit Feder, Stift und Pinsel gearbeiteten Darstellungen sind in den Jahren zwischen 1932 und 1989 entstanden. Der größte Teil stammt aus den 1950er Jahren, in denen Knöpfer an einem Auftrag für Illustrationen zu einem mehrbändigen Pflanzenführer gearbeitet hat.

Eröffnung: Donnerstag, 24. Februar 2011, 19:00 Uhr
Grußworte: Kulturdirektor Tobias J. Knoblich
Laudatio: Prof. Dr. Peter Arlt
Ausstellung: 25. Februar bis 22. Mai 2011


è Naturkundemuseum Erfurt
Große Arche 14
99084 Erfurt

So, 28.11.2010

Der Fliehende, die Wissende

Vom Mythos in der Kunst - Sonderschau in der Willi-Sitte-Galerie Merseburg
Von Hendrik Lasch

Was hätten sich Ikarus und Sisyphos zu sagen, wenn sie sich träfen? Übermütiger Himmelsstürmer der eine, mit großer Geste aufbegehrend, wagemutig alles auf eine Karte setzend, um grandios zu scheitern; ein beharrlich-zäher Arbeiter der andere, der den Stein im Schweiße seines Angesichts auf den Berg hinaufwuchtet und doch schon weiß, dass er wieder und wieder zu Tale rollen wird. Im Bild von Ronald Paris sind sie sich begegnet – und schauen sich stumm in die Augen: Ikarus mit milder Herablassung, in der Pose des jugendlichen Rebellen die Flügel lupfend, Sisyphos mit Augen, die zu staunen, aber auch das Erschrecken über den jähen Sturz vorwegzunehmen scheinen. Der eine wird für Aufsehen sorgen: durch Tat und Tod. Der andere hält den Stein am Rollen.
Mit seinem 2005 entstandenen Bild hat Paris den Mythos gewissermaßen weitererzählt. In dessen überlieferter Form kreuzt sich Ikarus' Weg nicht mit dem des Sisyphos, ebensowenig wie mit dem von Kassandra, deren zermürbendes Schicksal es ist, die Wahrheit zu kennen, aber kein Gehör zu finden. Diese beiden brachte Klaus Süß in einem 1986 geschaffenen Farbholzschnitt zusammen. Er vereinte damit auf einem Blatt die beiden Vertreter aus dem antiken Mythenarsenal, die wohl nicht zufällig zu den präsentesten in der DDR jener Tage gehörten: einen Fliehenden und eine Wissende, der freilich niemand Glauben schenkt.
Überhaupt sind Kassandra, Sisyphos und die anderen Helden des antiken Mythos häufige Gäste in der DDR-Kunst. Peter Arlt spricht gar von einer »in Europa einzigartigen Kumulierung«. ...
è weiterlesen
(Neues Deutschland, 15.11.2010)

Ausstellung: 5. November 2010 bis 28. Februar 2011
è Willi-Sitte-Galerie Merseburg

Mi, 13.10.2010

Kassandra auf dem Forum

Mythos und Kunst, Malerei, Zeichnung und Skulptur

Die Ausstellung "Kassandra auf dem Forum" in der Galerie der Willi-Sitte-Stiftung für Realistische Kunst, also auf der forumgleichen Stadtkrone Merseburgs, vereint Skulptur, Malerei, Zeichnung und Grafik von einigen wichtigen Künstlern in Deutschland der Zeit nach 1945, mit Betonung der Gegenwart, die sich mit einer eigenständigen Rezeption des antiken Mythos ausgewiesen haben.

Wie vielgestaltig dies geschieht, dafür stehen die Namen Falko Behrendt, Kurt Bunge, Carl Crodel, Bärbel Dieckmann, Albert Ebert, Wilfried Fitzenreiter, Wieland Förster, Bernd Göbel, Marcus Golter, Angela Hampel, Heidrun Hegewald, Bernhard Heisig, Peter Hoppe, Rolf Kuhrt, Harald Larisch, Markus Lüpertz, Gerhard Marcks, Wolfgang Mattheuer, Hans Mayer-Foreyt, Bernhard Michel, Hermann Naumann, Philipp Oeser, Karl Ortelt, Siegfried Otto-Hüttengrund, Ronald Paris, Uwe Pfeifer, Heinz Plank, Nuria Quevedo, Jürgen Schieferdecker, Wieland Schmiedel, Baldur Schönfelder, Willi Sitte, Klaus Süß, Werner Tübke, Jorge Villalba, Falko Warmt, Heinz Zander und in der Karikatur Peter Muzeniek, Rainer Schwalme. Die Künstler verbinden aktuelle Sinnfragen des Menschen mit dem Mythos, der getragen wird von der menschlichen Figur. Eine Besinnung auf den vornehmsten Ausdrucksträger der Kunst erscheint in Zeiten neuer Medien und Virtualität so notwendig wie zwangsläufig.

Die Werke werden nach zeitlichem Entstehen und unter den Topoi, wie Schwelgen und Schindung, zusammengefasst. Auf diese Weise können sie die gesellschaftliche Verständigung über die Leitbilder für den modernen Menschen befördern, über den zum Biotechniker verkommenen Menschenbildern Prometheus, den selbstverliebten Narziss, Sisyphos, dessen Stein wieder einmal zum Grunde gerollt ist, Ikarus, der kühn aufsteigt, aber abstürzt, den schwelgenden Bacchus, die sich verwandelnde Daphne oder die Leidensfigur Marsyas. Im Raum des Dachgeschosses sollen ironische Grafiken, Medaillen und aktuelle Karikaturen mit eingreifender, ironischer Mythenrezeption eine Art Satyrspiel bieten.
(Peter Arlt)

Ausstellung: 5. November 2010 bis 28. Februar 2011
è Willi-Sitte-Galerie Merseburg

Wolfgang Mattheuer

Zum Berg und den Himmel hinauf, in die Ebene und zum Grunde zurück. Ikonographisches Changieren in Mattheuers mythologischen Zyklen

Am 10. Oktober 2010 wurde die Ausstellung von Handzeichnungen Wolfgang Mattheuers im Schloss Burgau in Düren-Niederau eröffnet, die bis zum 28. November zu sehen ist und zu welcher ein Katalog mit Ringbindung zu 15 € erschienen ist. Den Text speziell zu dieser Ausstellung schrieb unser Pirckheimer-Mitglied Peter Arlt.

So, 14.03.2010

Leinwände bleiben leer

Zum Tod des Berliner Malers und Zeichners Peter Hoppe

Jetzt ist das E-Mail-Gespräch, in dem wir uns stritten und verständigten, abgebrochen, wie ein Brief, mitten durchgerissen, ohne je zu wissen, was im unteren Teil geschrieben sein soll. Über dem Riss steht noch seine frohe Kunde, mit seinen »Gefühlten Landschaften« im »Intermezzo« der Galerie am Gendarmenmarkt zwischen Skulpturen und Bildern von Theo Balden bis Ursula Strozynski präsent zu sein.
Wie ein Sisyphos ging Peter Hoppe jeden Morgen an sein Tagewerk. Doch kein Gott zwang ihn dazu und kontrollierte sein Steinerollen, den Werdegang des Bildes. Die Stechuhr tickte in seinem Gewissen. Selbstbestimmt schuf er sein Werk. Die leeren Leinwände umstellten ihn fordernd. Graue Flächen, die erst Form, Farbe und Leben gewinnen wollten. Im Kunstwerk durchspielte er Formen des Wahrscheinlichen wie Möglichen. Stiltendenzen trennten sich in eigene Bildserien oder Suiten, als konkrete Kunst in »Geometries« und als gestische und figürliche Malerei. In den Stilkontrasten lebte er gegensätzliche Denk- und Fühlaspekte aus, die in der Persönlichkeit ihr Kontrastprogramm austrugen.
So durchlebte der Künstler Metamorphosen und seine Katharsis. Eine Reinigung, in der der Künstler einen Abstand gewann von vorherigen Bildformulierungen.
»Und immer die metamorphosen im sinn / die versuchung / neuzubeginnen wenn das leben vorbeitaumelt«, schrieb Peter Hoppe, ein Dichter, in seinen »Frühstückstischtexten«. Doch in den Gegensätzen und Wandlungen blieb Peter Hoppe erkennbar. Es war ein Wandel in der Identität, eine »Kontinuität in der Ambivalenz«. Abwechslungsreich pendelt seine Kunst zwischen Farbbrillanz und strenger Farbreduktion, die ihre stilistischen Endpunkte in den Grisaillen wie in den konstruktiven Formen aus Kreisen, Ellipsen, Rechtecken gefunden haben. In den Serien, wie »ATELIER«, 2008, oder »oktoberlandschaften«, 2000, gibt es formale und gedankliche Zusammenhänge, klingen die Variationen wie in einer Satzfolge zusammen.
Ein Wandel in der Kontinuität zeigte sich auch in der Vita des Künstlers: Peter Hoppe wurde im November 1938 in Chemnitz geboren, erlernte den Beruf eines Baumalers, studierte 1956-59 an der Fachschule für Angewandte Kunst Berlin/Potsdam und im Anschluss an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee bei den Professoren Ernst Rudolf Vogenauer, Fritz Dähn, Arno Mohr und Walter Womacka. Das Diplom für Malerei erhielt er 1965, und es folgte eine einjährige Aspirantur. Seit 1967 war Hoppe freiberuflich in Berlin tätig. Vielseitig kreativ war er als Grafiker und am Theater, wo er für Schauspiel und Ballett Ausstattungen schuf. Vor allem aber war Peter Hoppe mit Leib und Seele ein exzellenter Zeichner und Maler.
Bekannt geworden ist Peter Hoppe Mitte der 70er Jahre mit eher veristischen Bildern des Nature morte und den herausragenden Porträts von Herbert Sandberg. Einen künstlerischen Übergang von diesen zu einer malerischeren Bildform bezeichnet sein »autoritratto quattro« von 1985. Höhepunkte seines Schaffens sind Wandbilder in Berlin, namentlich das Mosaik »Der Mensch im Kreislauf der Natur«, 1979/80, am Helene-Weigel-Platz, das 2007 bei der Wärmedämmung des Hauses überkleidet wurde. Unter der Dämmung: Ikarus. Sein Marzahner Plafond von 1991 markiert eine Zäsur, denn hier entwickelte er die betont malerische Bildform mit schwelgenden Farbräumen, in denen er die innere Geste und psychische Verfassung umsetzte. An seinem Sommersitz Wölsickendorf schuf er 1993 in der Dorfkirche die Altarwandbemalung im Selbstauftrag.
In Hoppes Bildern besitzt Nonfiguratives eine gleichnishafte Figurbezogenheit, Zeitgeschichte ist ins Leibhaftige und Zeichenhafte übersetzt, so 1990 in den Zeichnungen und Gouachen zur »Schönen Neuen Welt«, Aldous Huxleys satirischem Buch »Brave New World« entlehnt. In freier poetischer Weise überhöhte er seine Gestalten metaphorisch zu Topoi und verankerte sie mythisch in Orpheus, Apollon, Dionysos. Der Künstler führte als Parisurteil-Meister unterschiedliche Aspekte der Geschlechterbeziehungen voll Erotik, Eitelkeiten, Sehnsüchten, Leidenschaften und Spannungen in einer reichen, formelhaften Ausdrucksskala vor Augen. Impulsive Sinnlichkeit und artifizielles Vermögen gewannen hier Gestalt .
Auf meine Mail vom 3. März mit der Bitte, an der Merseburger Kassandra-Ausstellung teilzunehmen, blieb die Antwort weg. Leinwände bleiben leer. An diesem Mittwoch voriger Woche ist Peter Hoppe auf einer Straße in Berlin tot zusammengebrochen.
(Peter Arlt)

© Neues Deutschland

Fr, 21.11.2008

Die Flucht des Sisyphos

Unser Mitglied Peter Arlt stellt am 3. Dezember 2008 anläßlich der Eröffnug der Ausstellung seiner Sammlung "Zwischen Schwelgen und Schindung - Grafik zu antiken Mythen" im Literaturmuseum "Theodor Storm", Heilbad Heiligenstadt sein neuestes Buch vor:

Die Flucht des Sisyphos
Griechischer Mythos und Kunst - Eine europäische
Bildtradition, ihre Aktualität in der DDR und heute

Was sind die Urbilder des modernen Menschen? Sind es Prometheus oder Odysseus, die ihr Schicksal selbst, unabhängig vom Willen der Götter oder jenen, die sich dafür halten, bestimmen wollen? Ist es der selbstsüchtige Ich-Orientierte, der in sich selbst verliebte Narziss? Oder die Leidensfigur Marsyas, dem das Fell abgezogen wird? Könnten es Daidalos, der in sicherer Höhe fliegt, oder sein kühn auffliegender, doch abstürzender Sohn Ikaros sein? Vielleicht aber ist es Sisyphos, der sich vergeblich gequält hat und dessen Stein wieder einmal zu Tale gerollt ist? Hilft die Flucht?
Wie griechiche Mythen eine sich ständig erneuernde europäische Bildtradition prägen, kann in diesem Buch im Wandel der Kunst verfolgt werden. Mythosrezeption wird in den vergangenen historischen Epochen bis ins 20. Jahrhundert als Kriterium für Zäsuren begründet. Damit wird erklärlich, welche Aktualität die Mythen in der Kunst der Vergangenheit, in der DDR und heute gewannen und damit immer noch bemerkenswerte Antworten auf aktuelle Fragen bereit halten. Als ein Sternenfeld der Bildphantasie und Deutungsmuster für Erfahrungen zwischen Schwelgen und Schindung bleiben mythologische Gestalten für die Menschen auf ihrem Weg durch die Zeiten verläßliche Begleiter. (aus dem Umschlagtext)

Das Buch erscheint im
Kunstverlag Gotha
Gutenbergstraße 3
99869 Wechmar

Bestellungen über den Buchhandel oder (für schnellere Lieferung sofort nach Fertigstellung) direkt beim Verlag, Preis 33 €