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Harald Kugler

Pirckheimer-Blog

Harald Kugler

Mi, 11.07.2012

Es war einmal …

Man stelle sich vor, wir befinden uns in den 70-iger oder 80-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in einer Berliner Metrostation. Unzählige Menschen stehen auf den Bahnsteigen oder sitzen auf bereit stehenden Bänken, warten auf ihren Zug und Lesen. Überall wo man hinschaut sind Menschen ob jung oder alt in eine Zeitung vertieft oder haben ein Buch vor sich aufgeschlagen. Erst der einfahrende Zug lässt sie die Zeitung zusammen falten, das Buch verstauen und in einen Waggon einsteigen. Nachdem der Zug wieder anfährt, haben diese Menschen, ob stehend oder sitzend, das Buch oder die Zeitung wieder zur Hand genommen. Es war die Zeit, in der das Gefühl den Uhren noch folgen konnte.
Einen Wimpernschlag der Geschichte weiter, stellt sich die gleiche Szene in einer beliebigen Metrostation so dar, als suchten die Menschen ständig Kontakt zur Außenwelt. Für viele hörbar telefonieren einige Mitreisenden pausenlos über ihre Befindlichkeit. Andere starren wie gebannt auf kleine, meist schwarze flache Kästchen und schieben Apps mit dem Finger auf einem matt leuchtenden Bildschirm hin und her. Nur vereinzelt noch, sieht man einen Reisenden in einem Buch oder einer Zeitung lesen. Es ist unsere Zeit des schnellen Informationsflusses, in der das Gefühl den Uhren kaum mehr zu folgen vermag.


Langsam, Zeile für Zeile ein Buch Lesen, mit den Augen Worte in Gedanken und Empfindungen umsetzen hat es heute schwer sich zu behaupten. Alles ist in einem ständigen Fluß und zieht mit rasanten Bildern vorüber. Bücher werden schneller gedruckt und ausgeliefert als gelesen, stapeln sich in Regalen und auf Auslagetischen, und werden übermorgen schon von der nächsten Lieferung zum Altpapier degradiert. Das Umsatzrad muss sich drehen, drehen, drehen und lässt kaum mehr Zeit zur Besinnung. Besinnung – ein Wort, mit dem so vieles zum Ausdruck kommt und das in seinem Wortkern auch einen Grund enthält, der zu Wertigkeiten führt. Diese wiederum sind so verschieden, wie es Menschen gibt und einige davon, zu denen auch ich mich zähle, haben sich die Liebe zum Buch und dem Lesen bewahrt. Dies ist Bestandteil meiner Lebensweise, die auch durch das Internet und seine vielfältigen Vorteile nicht aufgewogen werden können. Undenkbar ist mir der Gebrauch des E-Books, denn dieser „Weiterentwicklung“ des Buches, entbehren zwei entscheidende Eigenschaften, der Geruch und die Berührung von Papier. Es fehlt mit ihnen gleichsam eine Beziehung zwischen dem Leser und dem geschriebenen Wort, die es erst ermöglicht, dass das Herz Fühlung aufnehmen kann. Schon wenn ich ein Buch zur Hand nehme und das Leinen oder Leder im Handteller einschmeichelnd spüre, entwickelt sich eine unaussprechliche Beziehung, die mein Herz berührt. Es ist eine nonverbale Sprache, die zwischen dem Buch und mir als Leser vermittelt und in dessen Ausdruck Erfurcht und Sympathie entstehen. Beim Aufschlagen des Buchblockes streichen die Fingerkuppen dann tastend über die glatte oder raue Papieroberfläche und wecken ein zärtliches Bedürfnis seiner Besitznahme. Da habe ich noch nicht eine Zeile gelesen, aber das Buch ist bereits in mir und erzeugt ein behagliches Gefühl des Kommunizierens. Dann beginnt der Text Fraktur zu reden und die fremden Gedanken umhüllen meine Aufmerksamkeit mit ihrer Botschaft. Es beginnt ein Fest der Sinne und ganz in ihren Bann gezogen durchlebe ich zeitlose Spannung, „rhythmisch bewegte Sprache“ oder dramatische Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Von Buch zu Buch unterschiedlich gerate ich dabei in einen Zauber, der mich für Minuten oder Stunden aus der realen Welt entführt und den Speicher in meinem Innern mit Worten, Erlebnissen und Gefühlen anreichert. Langsam über Monate und Jahre wird durch konzentriertes Lesen sprachliches Vermögen trainiert und geformt, das unbemerkt die Persönlichkeit strukturiert. Das Außen wird Innen und der angeborene kleine Horizont weitet sich in eine blühende Landschaft, in der man sich nach Herzenslust erinnern kann. Derart ist fast jedes Buch eine Offenbarung, aus der man als ein anderer Mensch hervorgeht.
In Zeiten, in denen Eindrücke und Nachrichten wie Trommelfeuer vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf uns einprasseln und auf Dauer jede Fähigkeit zu Sammlung und Vertiefung zu vernichten drohen, ist das Lesen eines Buches ein Ruhepunkt. Heute muss man sich mehr den je darauf konzentrieren, denn die Informationsflut lauert überall und versucht uns durch geschickte Manipulation in ihren Bann zu ziehen. Diese neuen kleinen Telekommunikationsgeräte, die heutigen Tags auch in Metrostationen Reisende begleiten, sind aus unserer Zeit nicht mehr weg zu denken, weil sie uns Unabhängigkeit suggerieren. Und es ist damit so leicht, sich in vielem zurecht zu finden. Nur zu uns selbst ist der Weg und die Orientierung immer beschwerlicher. Ständig sind wir auf der Suche nach Kommunikation und gehorchen den Medien manchmal geradezu willenlos. Selbst der Buchmarkt hat sich dieser Sitte angenommen und verhilft mit Ratgebern oder Filmbuchproduktionen zur Verbreitung medialer Ideen. Das Angebot überschreitet hier alle Ufer und überschwemmt jede Vernunft. Zu jener zurück zu finden, ist ein schmerzlicher Prozess, denn er bedeutet Verzicht, eine Tugend, die der Vergessenheit anheim zufallen droht. In Tagen des ungebremsten Konsums an Besinnung auf einfache Werte zu erinnern, auch und gerade das vermag vielleicht ein Buch. Ein handgemachtes Buch beispielsweise, in dem alle Fertigkeiten des Bücherhandwerkes zum Ausdruck kommen und das mit seinem verlesenen Text ruhige Gedankenlandschaften erblühen lässt, in der das Gefühl und die Zeit wieder zueinander finden. Oder einen Klassiker wie „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, der uns die Ehrfurcht wieder nahe bringt, die Natur und das Leben als ein einzigartiges Ereignis zu verstehen.
Aber die Realität sieht leider etwas anders aus und wir Bücherliebhaber sind eher mit den Nachtwächtern zu vergleichen, wie sie ehemals durch die Straßen zogen und allabendlich die Laternen anzündeten, damit sich nachtwandelnde Menschen orientieren konnten. Ein Sonderling eben, der vielleicht eines Tages auf seiner Bücherleiter nur noch auf großflächigen Bildern zu bewundern sein wird, die die Wände der Wartehallen in Metrostationen zieren.

(Harald Kugler)

Mo, 19.03.2012

Harald Kugler

„In meiner Bibliothek – sie ist in zwei hohen dunklen Gartenzimmern behaglich untergebracht und dürfte mehr als viertausend Bände zählen – fühl ich wie selten sonst mich hier bestätigt: wahrlich, dieses Reich ist mein, ich bin sein angestammter Herr; ich liebe die Edlen, denen ich gebiete“. So schreibt der Ministerialrat und Bücherfreund Dr. jur. Richard Schaukal (Wien) in seinem Beitrag zum Deutschen Bibliophilen-Kalender für das Jahr 1914. Ja – ein Bibliophiler bin ich auch und ich habe in den vergangenen Jahren viel finanzielle Mittel in den Aufbau meiner Bibliothek gesteckt. Bücher sammeln ist wie eine endlose Straße zu beschreiten, man muss sich daher rechtzeitig ein kleines Ziel stecken, um in ein überschaubares Gebiet abzuzweigen. Aber selbst wenn dies gelungen ist, haben die ledernen, leinengebundenen oder broschierten Bücher so viele Brüder und Schwestern, die als vollständige Reihe zu besitzen, jede Vernunft im Keime erstickt. Es ist eine sowieso für den Nichtleser schwer zu vermittelnde Tatsache, so viele Bücher sein Eigen zu nennen, die zu lesen ein Menschenleben nicht hinreicht, wie soll man dann noch verständlich erklären, Bücher einer Reihe nur deshalb zu besitzen, damit die Ausgabe vollständig ist. Das klingt unlogisch und ist es auch, aber um Verständnis geht es beim Sammeln auch nicht; bedenkt man nur die Kuriositäten, die Menschen an den Tag legen, wenn sie Zollstöcke oder Kronkorken zu Tausenden anhäufen.
Als Bücherliebhaber, diese Bezeichnung ziehe ich dem Bibliophilen vor, habe ich eine Neigung vor allem zum alten Buch entwickelt. ...
(Harald Kugler)


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