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RAINER EHRT ANTIKE

Prof. Dr. Max Kunze begrüßt die Gäste der Vernissage auf dem Skulpturenhof des Winckelmann-Museums in Stendal. | © R. Wege
Prof. Dr. Max Kunze, Präsident der Winckelmann-Gesellschaft, begrüßt die Gäste der Vernissage auf dem Skulpturenhof des Winckelmann-Museums in Stendal. | © R. Wege
Rainer Ehrt vor der Skulptur "Antikes Trio" | Eichenholz, teilweise vergoldet, 2015 | © R. Wege
Rainer Ehrt vor der Skulptur "Antikes Trio" | Eichenholz, teilweise vergoldet, 2015 | © R. Wege
Rainer Ehrt führte die Gäste durch die Ausstellung. Hier an der Vitrine mit der Metamorphosen-Suite. | © R. Wege
Rainer Ehrt führte die Gäste durch die Ausstellung. Hier an der Vitrine mit der Metamorphosen-Suite. | © R. Wege
Mit einer Höhe von 124 Zentimetern und einer Breite (offen) von 248 Zentimetern gehört der "Orpheus-Schrein" zu den größten Objekten in der Ausstellung. Rainer Ehrt montierte ihn aus teilweise vergoldeten Druckstöcken. | © R. Wege
Mit einer Höhe von 124 Zentimetern und einer Breite (offen) von 248 Zentimetern gehört der "Orpheus-Schrein" zu den größten Objekten in der Ausstellung. Rainer Ehrt montierte ihn aus teilweise vergoldeten Druckstöcken. | © R. Wege
Detail der Skulptur "Hadesboot" (Eichenholz), die Rainer Ehrt für die Stendaler Ausstellung geschaffen hat. | © R. Wege
Detail der Skulptur "Hadesboot" (Eichenholz), die Rainer Ehrt für die Stendaler Ausstellung geschaffen hat. | © R. Wege
Auf dem Umschlag des Katalogbuches ist ein Ausschnitt des Odysseus-Schreins (Druckstock für Farbholzschnitte, koloriert) abgebildet. | © R. Wege
Auf dem Umschlag des Katalogbuches ist ein Ausschnitt des Odysseus-Schreins (Druckstock für Farbholzschnitte, koloriert) abgebildet. | © R. Wege
Ausstellung im Winckelmann-Museum Stendal mit Werken des Künstlers und Pirckheimers Rainer Ehrt / Katalogbuch

Mit jazzigen Klängen, vorgetragen von Stephan Blank auf dem Flügelhorn, wurde am 1. September im Stendaler Winckelmann-Museum die Ausstellung "RAINER EHRT ANTIKE" eröffnet. Und wie Rainer Ehrt die Antike ehrt, ist beeindruckend. Mehr als 100 Werke hat er von Kleinmachnow nach Stendal gebracht: Skulpturen, Retabel-Schreine-Druckstöcke, Künstlerbücher, Druckgrafik, Farbradierungen, Handzeichnungen und Acrylmalerei.

Die verbindende Klammer: In allen Werken setzt sich der Künstler mit Themen der griechisch-römischen Antike auseinander. Nicht nur mit interpretierendem Blick auf die Zeit, in der sie entstanden sind, sondern ebenso in ihrer Bedeutung für das Jetzt und Hier. Denn zum einen gehe es bei antiken Themen wie Gier, Macht, Liebe, Verzicht oder Eifersucht um menschliche Probleme, die zeitlos Konstanten in der Menschheitsentwicklung sind, und zum anderen gehe es darum, unsere sogenannte westliche Zivilisation zu verstehen, was nur vor dem Hintergrund der Antike möglich sei, so Ehrt.

Bei aller Ernsthaftigkeit in dieser Rezeption tauchen in seinen Werken auch immer wieder Humor, Satire und Erotik auf. Als Beispiel sei hier auf die Medusa hingewiesen. Im Katalogbuch zur Ausstellung schreibt Dr. Kathrin Schade: "... bei Ovid vergewaltigte Poseidon die Medusa. Diese tragische Seite ihres Schicksals spielt bei Rainer Ehrt keine Rolle, seine Bilder zelebrieren allein ihre erotische Komponente. 2001 schuf der Künstler einen Grafikzyklus, die Medusa-Suite, und dann 2003 ein Künstlerbuch mit einem Radierzyklus zu diesem Thema. Hier wird die künstlerische Auseinandersetzung mit dem mythischen Mischweib regelrecht zur sexuellen Obsession. Medusa präsentiert ihre Brüste, ihre Vagina, zieht Betrachter und den Sexualpartner im Bild in ihren Bann.  ... In dynamisch nervöser Strichführung wird Medusa zur erotischen Urgewalt." 

Begrüßt wurden die Gäste auf dem Skulpturenhof des Museums von Prof. Dr. Max Kunze, Präsident der Winckelmann-Gesellschaft. Bevor Rainer Ehrt die Besucher der Vernissage durch die Ausstellungsräume führte, gab Dr. Kathrin Schade, Wissenschaftliche Kuratorin des Winckelmann-Museums, einen Überblick über die Schau. Diese ist thematisch nach Mythen aufgebaut und beginnt mit Ikarus, einem der am häufigsten rezipierten Themen. Der Besucher begegnet unter anderen Orpheus und Euridike, Europa, Ariadne, Medusa, Penthesilea und natürlich Odysseus.

Dr. Kathrin Schade betonte, dass diese "antiken" Themen auch 30 Jahre nach der politischen Wende nicht an Bedeutung verloren haben. Themen wie Globalisierung, Klimawandel oder politischer Populismus bedürften der Aufarbeitung. Schade: "Und da, ob man es glaubt oder nicht, sind die antiken Themen immer wieder hilfreich." Rainer Ehrt beweise mit seinen Bildern, dass dies nach wie vor funktioniert, dass man die Gegenwart durch die antiken Mythen immer wieder neu interpretieren kann.

"Bei der Vorbereitung der Ausstellung ist mir bewusst geworden, wie infiziert ich seit meiner Kindheit von der Antike bin", sagte Rainer Ehrt zur Eröffnung. Mit Gustav Schwab und seiner Odysseus-Erzählung habe es angefangen. Der aktuellen Stand seiner Liebe zur Antike ist quasi mit der Eichenholz-Skulptur "Hadesboot" (Ehrt: "Die Farbe ist gerade trocken.") als jüngste Arbeit erreicht, die er extra für die Ausstellung in Stendal geschaffen hat.

Für den Bibliophilen von besonderem Interesse dürften in dieser Ausstellung die Künstlerbücher sein, bei denen es nicht nur um das Bild geht, sondern um "gestalteten Text als eigenes Kunstwerk", wie Kathrin Schade betonte. Sieben Künstlerbücher sind in Stendal ausgestellt, darunter "Die Klagen des Ikarus", Unikatbuch von 2006, das Originalgrafische Künstlerbuch "Odysseeische Reise" von 1993 oder die "Ovid-Metamorphosen, ein Unikatbuch von 2012.

Nicht zu vergessen eine Würdigung von Johann Joachim Winckelmann und dessen Freunden, die Rainer Ehrt 2018 mit Tusche und Acryl auf Dokumentenpapier ins Bild gesetzt hat. Sie sollten sich besonders wohl in der Ausstellung fühlen, an der Stelle, wo vor rund 300 Jahren das Geburtshaus von Johann Joachim Winckelmann stand.

Zur Ausstellung ist im Michael Imhof Verlag ein umfangreiches Katalogbuch erschienen mit einem Vorwort von Dr. Kathrin Schade sowie einem Geleitwort von Rainer Ehrt. Herausgeber ist Prof. Dr. Max Kunze im Auftrag der Winckelmann-Gesellschaft. Rainer Ehrt gestaltete das Katalogbuch. Die Ausstellung ist bis zum 30. November 2019 im Winckelmann-Museum in Stendal zu sehen.

Ralf Wege

Katalogbuch
"Rainer Ehrt Antike"
Malerei, Zeichnung, Holzschnitte, Künstlerbücher & Skulpturen
21 × 29,7 cm, 128 Seiten, 120 Farbabbildungen, Klappenbroschur
ISBN 978-3-7319-0922-4
24,95 Euro