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Jahrestreffen 2019 in Mainz

Eingang zum Gutenberg-Museum in Mainz. | © R. Wege
Eingang zum Gutenberg-Museum in Mainz. | © R. Wege
Illustratorin Pauline Altmann und Verleger Andreas Rötzer (l.) im Gespräch mit Till Schröder, Chefredakteur der Marginalien. | © R. Wege
Illustratorin Pauline Altmann und Verleger Andreas Rötzer (l.) im Gespräch mit Till Schröder, Chefredakteur der Marginalien. | © R. Wege
Andreas Rötzer mit einer Ausgabe der "Naturkunden"-Reihe. | © R. Wege
Andreas Rötzer mit einer Ausgabe der "Naturkunden"-Reihe. | © R. Wege
Fachsimpeln über erfolgreiche Bücher am Freitagabend. | © R. Wege
Fachsimpeln über erfolgreiche Bücher am Freitagabend. | © R. Wege
Manches Exemplar wechselte am Freitagabend am Büchertisch von Silke Müller (Büchergilde-Buchhandlung Mainz) den Besitzer. | © R. Wege
Manches Exemplar wechselte am Freitagabend am Büchertisch von Silke Müller (Büchergilde-Buchhandlung Mainz) den Besitzer. | © R. Wege
Herzliche Begrüßung im Verlag Hermann Schmid Mainz | © R. Wege
Herzliche Begrüßung im Verlag Hermann Schmid Mainz | © R. Wege
Karin Schmidt-Friderichs begrüßte die Pirckheimer in ihren Verlagsräumen. | © R. Wege
Karin Schmidt-Friderichs begrüßte die Pirckheimer in ihren Verlagsräumen. | © R. Wege
Ansehen, durchblättern, staunen - Bücher aus dem Verlag Hermann Schmidt | © R. Wege
Ansehen, durchblättern, staunen - Bücher aus dem Verlag Hermann Schmidt | © R. Wege
Am Sonnabendvormittag besuchten einige Pirckheimer die Buchbinderei Gärtner-Fiederling. Johannes Schneider (2.v.l.) stellte den Betrieb vor. | © Norbert Eichenthal
Am Sonnabendvormittag besuchten einige Pirckheimer die Buchbinderei Gärtner-Fiederling. Johannes Schneider (2.v.l.) stellte den Betrieb vor. | © Norbert Eichenthal
Begrüßung im Gutenberg-Museum. | © R. Wege
Begrüßung im Gutenberg-Museum. | © R. Wege
Christoph Wegmann stellte den Pirckheimern sein Buch "Der Bilderfex" Im imaginären Museum Theodor Fontanes vor. | © R. Wege
Christoph Wegmann stellte den Pirckheimern sein Buch "Der Bilderfex" Im imaginären Museum Theodor Fontanes vor. | © R. Wege
"Aufwärmgespräch" am Sonnabend im Kurfürstlichen Schloss: Karin Schmidt-Friderichs, Denis Scheck und Ralph Aepler. | © R. Wege
"Aufwärmgespräch" am Sonnabend im Kurfürstlichen Schloss: Karin Schmidt-Friderichs, Denis Scheck und Ralph Aepler. | © R. Wege
Sie sprachen über die Zukunft des Buches: Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs und Literaturkritiker Denis Scheck. | © R. Wege
Sie sprachen über die Zukunft des Buches: Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs und Literaturkritiker Denis Scheck. | © R. Wege
Denis Scheck warf einen Blick in das Buch der Bücherkinder Brandenburg zu Arno Mohr und war sehr angetan. | © R. Wege
Denis Scheck warf einen Blick in das Buch der Bücherkinder Brandenburg zu Arno Mohr und war sehr angetan. | © R. Wege
Die Bibliothekarin mit Dutt spielte auch im Streitgespräch eine wichtige Rolle. | © R. Wege
Die Bibliothekarin mit Dutt spielte auch im (Streit)gespräch zwischen Denis Scheck und Karin Schmidt-Friderichs eine wichtige Rolle. | © R. Wege
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Aktion

Mainz und lauter schöne Bücher

Einem Namen begegneten die Pirckheimern während ihres Jahrestreffens in Mainz immer mal wieder, auch wenn die ihn tragende Person nicht anwesend war: Judith Schalansky. Die Schriftstellerin, Buchgestalterin und Herausgeberin, Jahrgang 1980, steht nahezu exemplarisch für einen inhaltlichen Schwerpunkt, der das Programm des Jahrestreffens 2019 durchzog: Die Zukunft des Buches. Trotzdem kamen die Ursprünge des gedruckten Buches und die Kunst des Buchhandwerks während des Jahrestreffens nicht zu kurz.

Dazu waren rund 50 Mitglieder und Freunde der Pirckheimer-Gesellschaft vom 6. bis 8. September in die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz gekommen. Erster Anlaufpunkt war das Gutenberg-Museum, wo sie die Tagungsunterlagen in Empfang nahmen, darunter auch die Grafik zum Jahrestreffen »Die Schmetterlingskundlerin«, gestaltet von Inka Grebner von der Künstlergruppe augen:falter.

 

Gespräch mit Andreas Rötzer und Pauline Altmann

Das Abendprogramm am Freitag gestalteten im Vortragssaal im Gutenberg-Museum der Verleger Andreas Rötzer und die Buchillustratorin Pauline Altmann vom Berliner Verlag Matthes & Seitz. Seit dem Frühjahr 2013 gibt Judith Schalansky in Rötzers Verlag die Reihe Naturkunden heraus, die bei Lesern und Sammlern außerordentlich erfolgreich ist. Pauline Altmann gestaltet die Bücher und hat in dieser Reihe mehrere Bände illustriert, beispielsweise »Leben ohne Ende", »Die Sprachen der Tiere« oder »Wahre Monster«. Im Gespräch mit Till Schröder, Chefredakteur der Marginalien, begaben sich beide auf die Suche nach Antworten auf die Frage, wie es dem vergleichsweise kleinem Verlag (circa 90 Neuerscheinungen pro Jahr) gelingt, so erfolgreiche Bücher herauszubringen. Zumindest für die »Naturkunden« ist das Fazit von Till Schröder klar: »Mit den Naturkunden-Bänden gelang den Herausgebern in den letzten Jahren das Kunststück, alte Buchkunsttugenden wie sorgfältiges Lektorat, aufwendige Gestaltung und passende Illustration wiederbelebt zu haben. Dabei schwelgen sie nicht im Retro des Annodazumal, sondern entwickelten ein vielgestaltiges und modernes Buchdesign, das den Look eines ganzen Segments beeinflusst hat.« Neben den »Naturkunden« hatten Altmann und Rötzer etliche andere Buchbeispiele mitgebracht, beispielsweise die Reihe: Fröhliche Wissenschaft, die optisch durch die stringente Gestaltung ihrer Klappenumschlags besticht. Wie vielfältig das Engagements des Verlegers Andreas Rötzer ist, zeigt der Deutschen Preis für Nature Writing, den der Verlag seit 2017 in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz vergibt, um ein neues deutschsprachiges literarisch-essayistisches Schreiben über Natur anzuregen.

 

Die Geschichten hinter den Büchern - Besuch im Verlag Hermann Schmidt Mainz

Wer wollte, konnte am Sonnabendvormittag erneut Judith Schalansky erahnen. Und zwar beim Besuch des Verlages Hermann Schmidt. Doch lohnt sich ein Verlags-Besuch? Was gibt es schon in einem Verlag zu sehen außer Schreibtische, Computer, Kaffeemaschine, Bürostühle und den Stapel der »heimischen« Bücher? Sehr viel mehr, wenn man das Glück hat, von einer buchbegeisterten, engagierten, kommunkativen und mit Entertainment-Begabung gesegneten Verlegerin begrüßt zu werden. Solch ein persönlicher Zugang ebnet dem Gast den Weg zu den Geschichten hinter den Büchern. Quasi zur Seele, die einem Verlag innewohnt. Dieses Glück hatten die Pirckheimer, die sich am Sonnabend an den Stadtrand von Mainz aufmachten, um im Verlag Herman Schmidt Mainz von den Verlegern Karin und Bertram Schmidt-Friderichs begrüßt zu werden. Bereits der neben der Eingangstür angebrachte, handgeschriebene Willkommensgruß auf Packpapier, die Tinte trocknete gerade noch, ließ erahnen, dass es kein Null-Acht-Fünfzehn-Verlag ist.

 

Woher kommt ein »gutes Händchen«?

Ein »gutes Händchen« bewiesen Karin und Bertram Schmidt-Friderichs, als sie 2006 die damalige Studentin Judith Schalansky entdeckten und unter Vertrag nahmen, ihr Buch »Fraktur mon Amour« veröffentlichten und von diesem bereits zwei Jahre später eine zweite Auflage auf den Markt brachten. Doch woher kommt ein »gutes Händchen«? Neben allem Fachwissen, jahrelanger Erfahrung einer gewissen unternehmerischen Risikofreudigkeit spielen offensichtlich weiche Faktoren eine wichtige Rolle wie Liebe zum schönen Buch (Was immer ein Buch schön sein lässt), Neugier auf Unbekanntes, Beharrlichkeit und Mut zu Buchprojekten, die anscheinend von Vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Trotz allen Enthusiasmus` für das schöne Buch (Karin Schmidt-Friederichs: »Wir machen Bücher aus Leidenschaft für Inhalt und Form.«) nie den Blickwinkel des Unternehmers ganz zu verlassen ist ein Spagat, den der Verlag erfolgreich meistert und in den vergangenen Jahren zu einem in der Buch- und Verlagswelt anerkannten Spezialisten für Bücher zum Themenkreis Schrift, Typografie, Illustration und Kreativität hat werden lassen.

Entsprechend breit gefächert waren die Punkte, die Karin Schmidt-Friederichs mit den Pirckheimer diskutierte. Die Bedeutung von Social-Media im heutigen Verlagsmarketing, die Hamburger Erklärung »Jedes Kind muss lesen lernen!« von Kirsten Boie oder die Funktion des Buches zwischen kulturellem Beitrag und Wirkmacht in den Köpfen gehörten ebenso dazu wie die klassischen Buch-Gestaltungsthemen Layout, Typografie, Papier und Bindung. Dabei trat nicht nur die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs in Aktion, sondern auch die kurz vor ihrer Amtseinführung stehende neu gewählte Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

 

»Unmögliches möglich machen«

»Unmögliches möglich machen« ist eine Devise, mit der Karin Schmidt-Friderichs jeden Tag zur Arbeit geht. »Wir arbeiten mit Material, das nicht unbedingt für den Buchdruck gedacht ist.« Das Experimentieren war bis zur Schließung der eigenen Druckerei Ende 2013 im eigenen Haus problemlos möglich. Danach wurde es schwieriger. Es mussten Druckereien gefunden werden, die nicht nur experimentierfreudig sind, sondern auch das notwendige Know-how haben. In der Praxis hatte sich gezeigt, dass auch die Druckereien von solchen Experimenten dadurch profitieren können, dass ihre Mitarbeiter Neues wagen müssen. Heute arbeite der Verlag mit »einer Handvoll Buchdienstleister, die für uns durchs Feuer gehen«, so Schmidt-Friederichs.

An Beispielen für außergewöhnliche Bücher mangelt es im Schmidt-Verlag nicht. Beispielsweise Kerstin Schimandls „Les Fins du Monde“ Weltuntergänge, Frank Berzbachs „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ oder „Pixel, Patch und Pattern“. Für Letzteres, wo es um  das Stricken von Schrift geht, sind sogar zwei verschiedene Varianten des Einbandes entwickelt worden: ein Einband mit wolligem Favini-Softy-Überzug für die Handarbeiter und ein Einband mit mattfolienkaschierter Oberfläche für die Bildschirmarbeiter.

Das Verrückteste, was sie je gemacht habe, sei der Verfallsdatum-Kalender zur Jahrtausendwende gewesen: »Ich weiß nicht, ob wir das jemals toppen werden.« Mit Felix Scheinbergers Buch »Wasserfarbe für Gestalter« sind Karin und Bertram Schmidt-Friderichs sicher dicht dran: Jedes Buch ist ein vom Autor individuell bemaltes Unikat. Die Herausforderung war die Beantwortung der Frage: »Wie schafft man es, 300 Bücher in kurzer Zeit zu bemalen und zu trocknen?«, erinnert sich Karin Schmidt-Friderichs. Gelungen ist es mit zwei Partnern, dem Unternehmen Schmincke (Hersteller von Künstlerfarben) und der Buchbinderei Schaumann. Nach dem Aktions-Mal-Wochenende mit Felix-Scheinberger konnten alle Beteiligten resümieren: »Es herrschte Mordsstimmung und nach zwei Tagen war alles bemalt«. Wenn jemand solche Gestaltungsideen umsetzt, kann er getrost behaupten: »Wer so verrückt ist, sein Geld mit Büchern zu verdienen, hat eine kleine Meise.« Keine Frage, dass sich in diesem Umfeld die Pirckheimer als Netzwerk für Sammler und andere Verrückte äußerst wohlgefühlt haben.

 

Die älteste Buchbinderei in Mainz

Wohl gefühlt haben sich auch die Pirckheimer, die zur selben Zeit die älteste Buchbinderei in Mainz besuchten, die Buchbinderei Gärtner-Fiederling in der Goldenbrunnengasse. Der jetzige Inhaber Johannes Schneider erzählte zwei Stunden lebhaft und mit vielen Anekdoten gespickt von der Geschichte der Buchbinderei und von seiner eigenen Geschichte: von der der Lehrzeit, seinen »Umwegen« über andere Berufe, und von der schließlichen Rückkehr und Übernahme der Firma. »Mit Bedacht und ohne Stress arbeiten – und mit neunzig dann nur noch halbtags!« – so seine Zukunftspläne. »Untermalt« wurde Schneiders Vortrag durch zahlreiche Vorzeigestücke – von alten Buntpapieren über »Buchleichen«, die auf die Restaurierung warten (»Die Handbuchbinderei ist spezialisiert auf hochwertige Reparaturen mit Originalmaterialien (1890 bis 1925)« – so die Eigendarstellung auf der Homepage), bis hin zu den handgebundenen Broschüren von Stefan Zweig bis Franz Kafka, die im Verlag Golden Luft (golden-luft.de) erscheinen.

 

»Treten Sie näher und gruseln Sie sich«

Nach einem gemeinsamen Mittagessen im »Roten Kopf« ging es zurück ins Gutenberg-Museum. Die Kürze der Zeit ließ dort nur zwei kleine Einblicke in die Ausstellung zu. Zum einen ging es durch die Ostasiatische Abteilung mit Exponaten zur koreanischen, chinesischen und japanischen Druckgeschichte, zum anderen stand ein Besuch der »Klassiker« auf dem Programm: die Gutenberg-Bibeln in der Schatzkammer und eines von elf erhaltenen Exemplaren des Mainzer Psalters von 1457. Doch für die Pirckheimer hatte die stellvertretende Museumsdirektorin Dr. Elke Schutt-Kehm eine andere Rarität ans Licht geholt: Ein Exemplar des Hexenhammers. Sie lud die Pirckheimer ein: »Treten Sie näher und gruseln Sie sich.« Der Hexenhammer verkörpere eines der dunklen Kapitel der Druckgeschichte, so Dr. Elke Schutt-Kehm. Das sah man wohl zu Zeiten der Drucklegung und in den Jahrzehnten danach deutlich anders, denn immerhin wurde das Werk mit insgesamt 29 Auflagen ein Bestseller.

 

»Der Bilderfex«

Anschließend stellte Christoph Wegmann sein gerade im Quintus-Verlag erschienenes Buch »Der Bilderfex – im imaginären Museum Theodor Fontanes« vor. Auf 568 Seiten, anhand von  540 Abbildungen, bewahrt Wegmann in seinem Buch die Bildmotive und deren ikonografischen Gehalt, die Fontane in seinen Romanen an etwa 1800 Textstellen eingearbeitet hat. Die Bildbeispiele reichen von Sternbildern bis Briefmarken, von Meißner Nippes bis zu Deckengemälden.

 

Literaturkritiker Denis Scheck und Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs

Vom Gutenberg-Museum wechselten die Pirckheimer am Sonnabendabend in das Kurfürstliche Schloss. Dort hatten sie zum Gespräch zwischen Literaturkritiker Denis Scheck und Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs eingeladen. Das Thema: »Die Zukunft des Buches ist schön.« Auch dort tauchte der Name Judith Schalansky am Ende auf. Bis dahin bekamen die Pirckheimer viele interessante und gleichzeitig höchst unterhaltsame Einblicke in die Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft des Buches und des Lesens – zumindest, wie es die Protagonisten auf der Bühne sehen. Dabei nahm das Gespräch eine unerwarteten Anfang. Karin Schmidt-Friderichs hatte eine Playmobil-Figur mitgebracht. Natürlich keine gewöhnliche, sondern eine Buchhändlerin. Und noch dazu mit Dutt, wie Scheck betonte und was für ihn Anlass war, etwas später eine passende Bibliothekarin-mit-Dutt-Anekdote zu erzählen, entnommen der US-amerikanischen Tragikomödie von Frank Capra »Ist das Leben nicht schön« von 1946. Was bleibt einer Frau, wenn kein Mann sie will? Dann bleibt ihr nichts anderes, als Bücher zu lesen. Es gehe um das Image des Lesens, griff Karin Schmidt Friderichs den Faden auf, dass es eben nicht etwas ist, was man macht, wenn sonst nichts übrigbleibt.

 

Biologiestunde und Philip Roth

Beim Thema Lesen und Bücher fallen oft die Worte Bücherwurm und Leseratte, stellte Denis Scheck fest. Damit fängt für ihn die Misere schon an und er fragte: »Warum ist Lesen keine positiv konnotierte Tätigkeit?« Da sei doch irgendetwas falsch. Beispielsweise war für ihn das Buch die schärfste Waffe im Kampf gegen die Feudalherrschaft, und es habe uns bis heute in unserer Sozialisation geprägt. Karin Schmidt-Friderichs führte die negative Besetzung von Lesen unter anderem auf den Zwang zum Lesen in der Schule zurück: »Ich befürchte, dass Buch oft mit Lernen verbunden ist.«  Dem hielt Denis Scheck entgegen, dass er als Schüler in einer »sterbenslangweiligen Biologiestunde« den Schriftsteller Philip Roth für sich entdeckt habe – heimlich unter der Schulbank dessen Roman »Portnoys Beschwerden“ lesend, Kapitel 2 mit der Überschrift »Wichsen«. Er habe es so »brüllend komisch« gefunden, dass er es an Banknachbarn weitergab mit dem Ergebnis: »In dieser einen Biologiestunde hat Philip Roth fünf glühende Verehrer gefunden.« Vom heimlichen Lesen erzählte auch Karin Schmidt-Friderichs. Als sie als kleines Mädchen dabei von den Eltern ertappt wurde (der warme Lampenschirm hatte sie trotz überzeugenden Sich-schlafend-Stellen verraten), habe sie sich in einem klärenden Gespräch die Zusage erkämpft künftig so lange zu lesen wie sie wollte.

 

Ja früher ...

Um über die Zukunft des Buches reden zu können, bekam in dem Gespräch die Betrachtung des Früher eine wichtige Funktion. Denis Scheck hegte die Befürchtung, dass es den Büchersammlern in Zukunft so gehen werde wie den Briefmarkensammlern heute, dass man heute sagt: Ja, das Briefmarkensammeln war mal populär. Wenn er an seine Kindheit denke, so Scheck, Jahrgang 1964, da habe es noch nach Farbe gerochen, wenn man in eine Bibliothek kam. Für ihn ein Ausdruck prosperierenden Gemeinwesens, das heute noch weit reicher geworden ist. Jetzt lebten wir in einer Gegenwart, wo die Bibliotheken oft aussehen »wie eine Kaufhof-Filiale kurz vorm Konkurs«. Wenn wir 2019 in Deutschland von Kultur sprechen, spinnt Scheck den Gedankengang weiter, »ist die angemessene Begleitung klaftertiefe Sorgenfalten auf der Stirn und kulturkritisches Vibrato in der Stimme«. Diesen Eindruck begegne er auch in der heutigen Literaturkritik. Oft hieße es: Die Literatur von heute sei ja nicht schlecht, aber früher, da hatten wir das Literarische Quartett, Marcel Reich-Ranicki, die Süddeutsche, J.F.Radatz … Scheck: »Als hätten wir früher in der Tagesschau Hölderlin-Oden verlesen oder als hätte man früher die Schulbrote der Kinder in Kafka-Papier eingewickelt. Dieses früher …«. Solches Lamentieren ist jedoch weder Sache von Denis Scheck noch von Karin Schmidt-Friderichs. Er möge es überhaupt nicht, in eine solche Stimmung zu verfallen, die Loriot am besten mit »Früher war mehr Lametta« beschrieben habe. Sie wäre nicht Verlegerin geworden, schloss sich Karin Schmidt-Friderichs an, wenn sie nicht die Zukunft des Buches mitgestalten wolle. Und sie würde sagen, heute gibt es Judith Schalansky. Ein Ausnahmetalent, das wunderbar gestalten und unglaublich gut schreiben kann. »Und in irgendeiner Zukunft wird sie das Früher sein, und sie haben wir jetzt.«

 

Haptisch ein »sehr kurioser Eindruck«

Dem pflichtete Denis Scheck bei: »Sie ist eine Ausnahmeerscheinung.«  Er würdigte nicht nur die Schriftstellerin Judith Schalansky, sondern lobte auch die Illustratorin und Gestalterin. Dafür hatte er ihr Buch »Verzeichnis einiger Verluste« mitgebracht: der Umschlag aus  italienischem Papier mit recycelten Lederresten - haptisch ein »sehr kurioser Eindruck, leider nichts für Veganer«. Auch bei den Illustrationen kam er ins Schwärmen: Er habe gar nicht gewusst, dass man Illustrationen schwarz auf schwarz drucken kann, und erst, wenn man die Seite in einem bestimmten Winkel ans Licht halte, materialisiert sich die Illustration. Karin Schmid-Friderichs legte begeistert noch nach: »Diese Idee, dass wir etwas sehen und nicht sehen in einer Welt wo ansonsten alles laut und schnell sein muss, alles nach  Aufmerksamkeit schreit...« Für sie ist klar: So ein Buch dürfe man nicht als Hörbuch veröffentlichen, nicht digital publizieren. Beim Stichwort digital wiegte Denis Scheck zwar den Kopf und merkte an, dass er an 150 Tagen im Jahr unterwegs ist, mit einem Koffer voller Bücher, schwerer Bücher. Doch das ist ein neues Kapitel. Einig waren sich beide an diesem Abend, dass bei Büchern wie »Verzeichnis einiger Verluste« und jungen Talenten wie Judith Schalansky die Zukunft des Buches schön sei.

In anregenden Gesprächen bei ausgezeichneten Weinen vertieften die Pirckheimer und ihre Gäste nicht nur dieses Thema bis in die späte Nacht. 

 

Mitgliederversammlung als Abschluss

Am Sonntag fand das Jahrestreffen mit der Mitgliederversammlung im Vortragssaal des Gutenberg-Museums seinen Abschluss. Als kleines Dankeschön überreichte Matthias Haberzettl Genuss- und Blumengrüße an die Organisatoren Kathrin, Charlotte und Ralph Aepler. Spätestens im nächsten Jahr gibt es ein Wiedersehen: Vom 18. bis 20. September treffen sich dann die Pirckheimer in Halberstadt, Quedlinburg und Aschersleben.

Ralf Wege

Diese Veranstaltung war
Freitag, 6. September 2019 - 14:00
Mit: 
Pirckheimer und andere Bibliophile
55116 Mainz

Das Jahrestreffen 2019 findet vom 6. bis 8. September 2019 in Mainz statt.