Sie sind hier

Jahrestreffen 2018

Ralf Partner und Jutta Osterhof (sitzend) begrüßen die Teilnehmer des Jahrestreffens im Tagungshotel. | © R. Wege
Ralf Partner und Jutta Osterhof (sitzend) begrüßen die Teilnehmer des Jahrestreffens im Tagungshotel. | © R. Wege
Einige Pirckheimer nutzten die Gunst der Stunde und blätterten in den Schätzen der Marinebibliothek. | © R. Wege
Einige Pirckheimer nutzten die Gunst der Stunde und blätterten in den Schätzen der Marinebibliothek. | © R. Wege
Pirckheimer mit ausgewählten Büchern der Marienbibliothek. © | R. Wege
Pirckheimer mit ausgewählten Büchern der Marienbibliothek. © | R. Wege
Blick in die Dauerausstellung des Kleist-Museums. | © R. Wege
Blick in die Dauerausstellung des Kleist-Museums. | © R. Wege
Anette Handke, stellvertretende Direktorin des Kleist-Museums, führte durch das Museum. | © R. Wege
Anette Handke, stellvertretende Direktorin des Kleist-Museums, führte durch die Ausstellung. | © R. Wege
Ankunft auf Burg Beeskow | © R. Wege
Ankunft auf Burg Beeskow | © R. Wege
In der  Sonderausstellung „La beauté est dans la rue – Die Schönheit ist auf der Straße. Plakate aus Frankreich, Polen und der DDR“. | © R. Wege
In der Sonderausstellung „La beauté est dans la rue – Die Schönheit ist auf der Straße. Plakate aus Frankreich, Polen und der DDR“. | © R. Wege
Herbert Schirmer (stehend) gab den Pirckheimern einen Einblick in die Geschichte und Bestände des Kunstarchivs auf Burg Beeskow. | © R. Wege
Herbert Schirmer (stehend) gab den Pirckheimern einen Einblick in die Geschichte und Bestände des Kunstarchivs auf Burg Beeskow. | © R. Wege
Im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt | © R. Wege
Im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt | © R. Wege
In Neuzelle besuchten die Pirckheimer auch die Barockkirche. | © R. Wege
In Neuzelle besuchten die Pirckheimer auch die Barockkirche. | © R. Wege
Das Museum »Himmlisches Theater« mit historischen Schiebekulissen kirchlicher Passionsspiele war die zweite Station in Neuzelle. | © R. Wege
Das Museum »Himmlisches Theater« mit historischen Schiebekulissen kirchlicher Passionsspiele war die zweite Station in Neuzelle. | © R. Wege
Hans-Jürgen Rehfeld beleuchtete in seiner Festrede die reiche Literaturgeschichte von Frankfurt/Oder. | © R. Wege
Hans-Jürgen Rehfeld beleuchtete in seiner Festrede die reiche Literaturgeschichte von Frankfurt/Oder. | © R. Wege
Armin Schubert und die Bücherkinder aus Brandenburg ließen sich von der Illustratorin Gertrud Zucker die "Zauberflöte" signieren. | © R. Wege
Armin Schubert und die Bücherkinder aus Brandenburg ließen sich von der Illustratorin Gertrud Zucker die "Zauberflöte" signieren. | © R. Wege
Zum Veranstaltungskalender

Aktion

Von Gilgamesch bis Gottfried Benn

„Geburtsort des Schriftstellers Heinrich von Kleist“ und „Universität Viadrina“ sind wahrscheinlich die beiden Dinge, die den meisten Pirckheimern vor dem Jahrestreffens 2018 als erstes in den Sinn gekommen sind, wenn sie an den Austragungsort Frankfurt an der Oder gedacht haben. Nach dem Jahrestreffen dürften einige neu dazu gekommen sein. Allen voran die Marienbibliothek in der St. Gertraudkirche. Sie zählte mit dem Kleist-Museum zu den ersten zwei Stationen, die von den Pirckheimern am Anreisetag angesteuert wurden.
Schätze aus der Marienbibliothek

Kerstin Papmahl, ehrenamtliche Kirchenfüherin in der St. Gertraudkirche, hatte einige ihr Bücher-Schätze schon bereitgelegt, als die ersten Pirckheimer eintrafen. Darunter die Summa Theologica des Thomas von Aquin, gedruckt bei Johann Mentelin in Strassburg, die aber auch teilweise handgeschriebene Teile von Christian Brime und im 3. Teil von Georg Sylo enthielten, das Missale Lubucense, gedruckt 1509 in Frankfurt (Oder), die Biblia nona Germanica , gedruckt bei Anton Koberger 1483 in Nürnberg mit Holzschnittdrucken von Playdenwurff aus der Kölner Bibel von 1478. Den Schatzbehalter von 1491, ebenfalls bei Koberger gedruckt, und die Flores beati Bernhardi, mit Texten des hl. Bernhard von Clairvaux (gedruckt bei Johann Sensenschmidt in Nürnberg). In den Kriegs- und Nachkriegswirren des Zweiten Weltkrieges waren ein großer Teil der Bücher und alle Kataloge verloren gegangen. Eine Zwischenunterkunft der Bibliothek war bis 1980 das alte Pfarrhaus hinter der Marienkirche. Seit dieser Zeit gibt es den Tresorraum in der St. Gertraudkirche, in dem sich ca. 550 Bücher der alten Marienbibliothek befinden, die vor dem Zweiten Weltkrieg noch rund 5000 Bände umfasste. Bei einem Blick in den Tresorraum wies Kerstin Papmahl besonders auf eine 1556 gedruckte Luther-Bibel mit handschriftlichen Eintragungen des Reformators und seines Freundes Philipp Melanchthon hin.  

Anschließend ging es mit dem Fahrstuhl hinauf in den oberen Kirchenraum, wo der  Hochaltar (1489), ein sechseckige Bronzetaufbecken (1376) und ein siebenflammige Bronzeleuchter (um 1400) als besondere Schätzen in der Kirche die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie gehörten ebenso wie die Bibliothek ursprünglich zur Ausstattung der Marienkirche, die 1945 schwere Kriegsschäden erlitt und deshalb Teile der erhaltenen Ausstattung in die Gertraudkirche wechselte.
 

Führung im Kleist-Museum

Während eine Pirckheimer-Gruppe die Buchschätze bestaunte, lernte eine andere im Kleist-Museum den Versuch kennen, „Literatur in einer Ausstellung entstehen zu lassen“, wie es Anette Handke, stellvertretende Direktorin des Kleist-Museums, während ihrer Führung ausdrückte. Das Besondere an der Dauerausstellung: Leben und Werk Kleists werden getrennt präsentiert. Seine Dichtungen und Schriften werden unabhängig von ihren Entstehungskontexten betrachtet, um sie als eigenständige Kunstwerke zu würdigen. Im Fokus steht dabei die einzigartige Sprache des Dichters. „Etwas, was unvergleichbar ist, ist der Satzbau“, nannte Anette Handke ein Beispiel und wies auch auf Wortschöpfungen Kleists hin wie „Gehirnverrückung“ (Amphitryon) ode „Nachtigall-durchschmettert“ (Penthesilea). Sie warb dafür, auch heute die Werke Kleists zu lesen: „Leichte Lektüre ist Kleist zwar nicht, aber er dankt es dem Leser.“

Der zweite Ausstellungsteil präsentiert Kleists Leben in seinem historischen Kontext anhand von Exponate aus dem jeweiligen Umfeld und Nachbildungen nicht erhaltener Objekte sowie Rauminstallationen. Gern nutzten einige Pirckheimer während der Führung die Möglichkeit, einen Blick in die Sonderausstellung „...rasch wächst das dürre Gras Vergessen. Wieland Förster und Heinrich von Kleist“, zu werfen. 
 

Szenische Lesung des Gilgamesch-Eposes

Wurden die St. Gertraudkirche und das Kleist-Museum in kleinen Gruppen erkundet, so trafen sich alle Pirckheimer am späten Nachmittag in der Marienkirche. Dort erlebten sie die szenische Lesung des Gilgamesch-Eposes mit Ines Gerstmann (Text und Idee), Carmen Winter (Lyrik), Karin Zilske (Fotos und Klänge), Hans-Joachim Hübner (Klavier und Orgel), die durchaus kontrovers diskutiert wurde. Den Abend beschloss die Mitgliederversammlung, die den Vorstand für den Berichtszeitraum 2017/2018 entlastete.
 

Sonderausstellung in der Galerie Burg Beeskow

Am Sonnabend ging es mit dem Bus zunächst zur Burg Beeskow. In der dortigen Galerie war gerade die Sonderausstellung „La beauté est dans la rue – Die Schönheit ist auf der Straße. Plakate aus Frankreich, Polen und der DDR“ zu sehen. Sie will den „bis heute virulenten Einfluss polnischer Plakatgestalter der Nachkriegszeit auf das europäische Grafikdesign“ zeigen. Dort trafen die Pirckheimer auf vertraute Namen wie Albrecht von Bodecker, Helmut Brade, Rolf Felix Müller, Anneliese Ernst oder Volker Pfüller. Zu ihnen gehört auch Matthias Gubig, der mit „Wir sind das Volk“ in der Ausstellung auf eines seiner Plakate traf, das er 1989 geschaffen hatte.
 

Besuch im Kunstarchiv bei Sitte, Womacka, Querner ...

Ebenfalls bekannten Namen begegneten den Pirckheimern im benachbarten Kunstarchiv, darunter Paul Michaelis, Walter Womacka, Lutz Friedel, Ulrich Hachulla oder Willi Sitte. Herbert Schirmer, letzter Kulturminister der DDR, nahm die Pirckheimer auf eine kleine Reise durch die Geschichte des Kunstarchivs mit. Als Leiter der Burg Beeskow (1991 bis 1998) hatte er nach der politischen Wende DDR-Auftragskunst aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach Beeskow geholt und so wahrscheinlich in vielen Fällen davor bewahrt verstreut und in Depots vergessen zu werden. Dabei handelt es sich um Kunstwerke aus allen Bezirken der DDR, deren Ankäufe der Kulturfonds der DDR finanziert hatte und die in öffentlichen Gebäuden ausgestellt waren. Nach der Wende seien die Kunstwerke zunächst Museen angeboten worden. Bei denen habe sich das Interesse an ostdeutscher Kunst jedoch sehr in Grenzen gehalten, so Schirmer. Er selbst habe daraufhin gesagt: „Dann nehme ich alles.“ Und so seien die Kunstwerke nach Beeskow gekommen. Schirmer erinnerte an den „Bilderstreit“ Anfang der 1990er Jahre, als der Maler Georg Baselitz die DDR-Maler als „Arschlöcher, die nichts können“ bezeichnet habe. Diese Abfälligkeit in der Beurteilung sei für die Diskussion in dieser Zeit „leitmotivisch“ gewesen, sagte Schirmer. Der Künstler sei an den Pranger gestellt worden, eine kritische Auseinandersetzung mit den Kunstwerken habe dagegen nicht stattgefunden. Jetzt trete das Kunstarchiv den Gegenbeweis an, dass die DDR-Künstler doch etwas konnten. Der dafür zur Verfügung stehende Bestand umfasst heute rund 23.000 Objekte, vor allem Gemälde, Druckgrafiken, Zeichnungen und Aquarelle, aber auch Fotografien, Plastiken, Kunstgewerbe und Medaillen. Einige Beispiele hatte Schirmer für die Pirckheimer ausgesucht, darunter zu Beginn das Bild die „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ von Hans Jüchser aus dem Jahre 1952. Den Abschluss bildeten Werke von Curt Querner und Wolfgang Mattheuer.
 

Alltagskultur der DDR

Noch einige Jahre weiter in die Vergangenheit führte die nächste Station: das 1993 gegründete Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Durch die Sonderausstellung „10.000 Kubikmeter Alltag“ führte Kurator Axel Drieschner. Anhand exemplarischer Objekte aus dem Gesamtfundus stellt sie die derzeit 35 Sachgruppen der Sammlung vor: von A wie "Agitation und Propaganda" bis Z wie "Zahlungsmittel". Drieschner warf einen Blick zurück in die Anfangsjahre nach der Wende, als der Bestand für das Dokumentationszentrum zusammengetragen wurde. Die Entscheidung, welche Objekte in die Sammlung aufgenommen wurden, sei nicht aus Sicht des Kurators getroffen worden. Die habe man den „Schenkenden“ überlassen. Durch diese "niedrigschwellig kuratierte Übernahme großer Objektbestände" sei versucht worden, "ein möglichst breites Spektrum an lebensweltlichen Zeugnissen zu sichern". Der Anspruch der Sammlung: "DDR-Alltagswelt über ihre gesamte Zeitspanne hinweg und über unterschiedlichste Lebensbereiche materiell abzudecken."
 

Schwalbe, Buratino und »Franziska Linkerhand«

Für die meisten Pirckheimer war es eine Reise in den eigenen Alltag vergangener Zeit. Und so waren angesichts von Objekten wie Schwalbe, Badeofen, Buratino, EXA I, Schuhen oder Konservenbüchsen Sätze wie „Erinnerst Du dich?, Kennst Du das noch?, oder Ach, das hatte ich als Kind auch ...“ häufiger zu hören. Für Gisela und Henning Klostermann gab es in einem Ausstellungsraum einen Blick ins eigene Fotoalbum. Ein Familienfoto ist dort zu sehen. Es ist Teil einer Serie, die der Fotograf Christian Borcherts anfang der 1980er Jahre aufgenommen hatte. Im Begleitheft der Ausstellung heißt es: die Serie zeigt, „…wie Familien sich selbst sehen wollten und macht damit auch auf soziale Unterschiede aufmerksam“. Auch DDR-Literatur wie Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T." oder Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand" gehörte zu den Ausstellungsstücken. Im Depopt lagert noch viel mehr. Beispielsweise alle im Verlag Volk und Welt erschienenen Erstausgaben oder die Bibliothek der ehemaligen FDJ-Hochschule Bogensee inklusive Zettelkatalog, so Drieschner.
 

Barockkirche und »Himmlisches Theater«  in Neuzelle

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Zisterzienserkloster Neuzelle, wo die Pirckheimer die  Barockkirche und das Museum »Himmlisches Theater« mit historischen Schiebekulissen kirchlicher Passionsspiele besichtigten, ging es zurück nach Frankfurt. Vor der Eröffnung des Buffets ließ der Bibliothekar und langjährige Archivar im Kleist Museum Hans-Jürgen Rehfeld in seiner Festrede die reiche Literaturgeschichte der Stadt aufleuchten. Schnell wurde deutlich, dass sie weit mehr Schriftsteller beherbergt hat als Heinrich von Kleist. Zu ihnen gehören beispielsweise Publius Vigilantius Axungia (Gregor Schmerlin, 1485 bis 1512), Ulrich von Hutten (1488 bis 1523), der als Student in Frankfurt das Gedicht „In laudem Marchiae carmen“ verfasste, der neulateinische Lyriker Georg Sabinus (Georg Schuler, 1508 bis 1560), Andreas Musculus mit seinen „Teufelsbüchern“, Joachim Georg Darjes oder Heinrich Zschokke. Den Schriftsteller-Reigen im Rehfeldschen Vortrag schlossen Klabund und Gottfried Benn.
 

Bietergefecht

Bei der traditionellen Buch- und Grafikauktion kam es zu kleineren Bietergefechten. Beispielsweise um einen Siebdruck von Lothar Reher mit Widmung an seinen Freund Jurek Becker. Dazu passend konnte auch das von Jureck Becker geschriebene und von ihm signierte Buch „Aller Welt Freund“, dessen Umschlag das Motiv des Siebdrucks von Lothar Reher ziert, ersteigert werden. Einige der Versteigerungsobjekte hatte Armin Schubert, „Vater“ der Bücherkinder Brandenburg, mitgebracht. Dieser Auktionserlös fließt in das neue Projekt der Bücherkinder – das Buch "Arno Mohr von hinten oder Nichts geht verloren".
 

Jurek Becker und Mozart

Die Bücherkinder waren auch am Sonntag dabei. Gemeinsam mit Armin Schubert stellten sie ihr jüngstes abgeschlossenes Buch „Du liebe Hühnerkastanie“ zur Postkartenpoesie von Jurek Becker vor.

Ebenfalls um Kinder ging es zuvor bei der Buchpräsentation von Till Sailer (Text) und Gertrud Zucker (Illustration). Gemeinsam mit Verleger Sven Märkisch und Herausgeberin Elke Lang hatten sie die bibliophile Ausgabe des gerade erschienenen Kunstbuches „Die Zauberflöte“ mitgebracht.

Am Mittag hieß es für die meisten Teilnehmer Abschied nehmen von Frankfurt Oder. Ein dickes Lob auch an dieser Stelle für die Organisatoren Ralf und Dagmar Parkner sowie Elke Lang. Im Gepäck nahmen die Pirckheimer nicht nur neue, sondern auch überraschende Eindrücke mit, mancher ein neues Sammelobjekt, erworben auf der Aktion und jeder Teilnehmer des Jahrestreffens die von Hanif Lehmann (Widukind Presse) gestaltete Grafik  und Speisekarte.

Diese Veranstaltung war
Freitag, 31. August 2018 - 10:00
Mit: 
Mitglieder und Freunde der Pirckheimer-Gesellschaft
City Park Hotel
Lindenstraße 12
15230 Frankfurt (Oder)

Wenn Sie mit Hilfe eines Navigationsgerätes zum Tagungshotel kommen, geben Sie bitte Folgendes ein: Gubener Strasse in 15230 Frankfurt (Oder)